Menschen bewegen sich beim Gehen leicht nach links: Neue Studie erklärt kollektive Muster in Menschenmengen

Eine neue Studie zeigt, dass Menschen beim Gehen eine leichte, aber stabile Tendenz nach links aufweisen. Die individuelle Neigung beeinflusst auch die Bewegung großer Menschengruppen und könnte die Planung öffentlicher Räume grundlegend verändern.

Menschen weltweit weisen die gleiche Bewegungstendenz auf, nämlich nach links. Das haben Wissenschaftler nun herausgefunden (Symbolbild). Bild: Brian Merrill/Pixabay
Menschen weltweit weisen die gleiche Bewegungstendenz auf, nämlich nach links. Das haben Wissenschaftler nun herausgefunden (Symbolbild). Bild: Brian Merrill/Pixabay

Menschen driften beim Gehen leicht gegen den Uhrzeigersinn ab – sie zeigen also eine schwache, aber beständige Linksneigung. Das haben Forschende der Universitäten Navarra und der Universidad Carlos III de Madrid gemeinsam mit japanischen und chinesischen Forschenden entdeckt.

Die scheinbar unbedeutende persönliche Vorliebe wirkt sich besonders auf große Menschenmengen aus, deren allgemeine Bewegungsmuster sie mitbestimmt. Die Studienergebnisse wurden in Nature Communications veröffentlicht und könnten künftig helfen, Bewegungsströme in stark frequentierten Gebieten besser zu vorherzusagen.

Ursachen jenseits sozialer Regeln

Bisher waren Wissenschaftler davon ausgegangen, dass solche Muster vor allem durch Ausweichverhalten entstehen. Auch soziale Normen oder räumliche Strukturen wurden diskutiert. Die neue Studie erweitert das Spektrum noch um individuelle Bewegungsprädispositionen.

„Seit Jahrzehnten dachten wir, dass diese kollektiven Muster ausschließlich aus der Interaktion zwischen Fußgängern entstehen“, erklärt Erstautor Iñaki Echeverría, Assistenzprofessor für Physik und angewandte Mathematik an der Universität Navarra. „In unserer Arbeit haben wir bestätigt, dass ein bedeutender Teil davon nicht erst entsteht, wenn Menschen zusammenkommen, sondern vielmehr im Individuum selbst angelegt ist.“

Das neue Wissen könnte künftig in die Verkehrsplanung und ins Crowd Management einfließen (Symbolbild). Bild: StockSnap/Pixabay
Das neue Wissen könnte künftig in die Verkehrsplanung und ins Crowd Management einfließen (Symbolbild). Bild: StockSnap/Pixabay

Um kulturelle Einflüsse auszuschließen, verglich das Team Versuchsreihen miteinander, die über mehrere Jahre hinweg in Spanien und Japan durchgeführt wurden. In den Versuchen bewegten sich Teilnehmende in kontrollierten Räumen, offenen Höfen und auch einzeln, sodass unterschiedliche Bedingungen abgebildet werden konnten.

Auffällig war, dass die gegen den Uhrzeigersinn gerichtete Tendenz in allen Settings erhalten blieb. Das galt sogar für Kinder, die soziale Regeln noch nicht vollständig verinnerlicht hatten.

Soziale Normen und andere Erklärungen

Auch die Annahme, es handele sich um eine kulturelle Prägung, konnte nicht bestätigt werden. „Es gab keine ausgeprägte soziale Norm“, so Anxo Sánchez vom Mathematikdepartment der UC3M. „Und wenn überhaupt, deutet die Datenanalyse eher darauf hin, dass die Norm in Richtung Uhrzeigersinn geht – also genau entgegen dem, was im Experiment beobachtet wurde.“

Ebenfalls wichtig war, dass sich die Bewegungsneigung auch bei alleingehenden Personen zeigte. Damit ließ sich ausschließen, dass sie erst in Gruppen entsteht.

Die Bahnen von Fußgängern über 2 Sekunden (orange) und ihre aktuellen Positionen (rot) in den verschiedenen Szenarien: a) eingeschränkte Zufallsbewegung in Spanien, (b) zufällige Bewegung spanischer Jugendlicher auf einem Schulhof, (c) eingeschränkte Zufallsbewegung in Japan. Bild: Echeverría-Huarte et al., 2026
Die Bahnen von Fußgängern über 2 Sekunden (orange) und ihre aktuellen Positionen (rot) in den verschiedenen Szenarien: a) eingeschränkte Zufallsbewegung in Spanien, (b) zufällige Bewegung spanischer Jugendlicher auf einem Schulhof, (c) eingeschränkte Zufallsbewegung in Japan. Bild: Echeverría-Huarte et al., 2026

Untersucht wurden zudem Faktoren wie Händigkeit, dominanter Fuß oder Augendominanz, ohne dass sich ein Zusammenhang ergab. Auch diese Merkmale konnten das Verhalten nicht erklären.

Bedeutung für Infrastrukturplanung

Den Forschenden war es gelungen, die beobachteten Muster mit individuellen Daten mathematisch zu reproduzieren. Damit könnten sich die Ergebnisse letztlich auch in der Stadtplanung und im Crowd Management anwenden lassen, beispielsweise bei Orten mit hohem Personenaufkommen wie Bahnhöfe, Flughäfen oder Stadien.

„Ein besseres Verständnis der Faktoren, die unsere Bewegungen beeinflussen, ermöglicht präzisere Modelle darüber, wie sich Menschen in gemeinsamen Räumen fortbewegen“, sagt Studienautor Iker Zuriguel, Professor für angewandte Physik an der Universität Navarra. Solche Informationen könnten dabei helfen, effizientere Infrastrukturen zu entwerfen und Umgebungen zu schaffen, die besser an unsere alltägliche Bewegung angepasst sind.

„Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass individuelle Prädispositionen ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Entstehung kollektiver Bewegungsmuster spielen“, fasst Echeverría zusammen. Außerdem eröffne die Studie neue Fragen danach, welchen biologischen Ursprung diese Tendenzen haben, da ähnliche Phänomene auch bei anderen Tierarten beobachtet werden, etwa bei Fischschwärmen oder Insektenkolonien.

Quellenhinweis:

Echeverría-Huarte, I., Feliciani, C., Shi, Z., et al. (2026): Individual locomotor bias drives counterclockwise motion in pedestrian crowds. Nature Communications.