Long Fuse der Evolution: Tintenfische spalten sich früh auf und diversifizieren erst nach dem Massenaussterben

Neue Genomdaten zeigen: Tintenfische entstanden tief im Ozean, überlebten ein Massenaussterben in sauerstoffreichen Rückzugsräumen und erlebten erst danach eine explosionsartige Ausbreitung in küstennahe Lebensräume und Artenvielfalt.

Die Wissenschaft korrigiert ihre bisherigen Annahmen zur Entstehung von Tintenfischen und Sepien.
Die Wissenschaft korrigiert ihre bisherigen Annahmen zur Entstehung von Tintenfischen und Sepien.

Die Wissenschaft revidiert zentrale Annahmen zur Evolution der Tintenfische und Sepien. Lange Zeit galt die Vorstellung, dass ihre Vorfahren küstennahe und flache Meeresräume bevorzugten.

Neue genomische Analysen zeichnen jedoch ein deutlich anderes Bild: Der Ursprung der Gruppe liegt nicht im Flachwasser, sondern in den offenen und tiefen Bereichen der Ozeane vor rund 100 Millionen Jahren.

Erstmals gelang es einem internationalen Forschungsteam, bislang fehlende Genome zu entschlüsseln und mit umfangreichen bestehenden Datensätzen zu kombinieren.

Diese erweiterte Datenbasis führt zu einer Neubewertung der Evolutionsgeschichte der Decapodiformes (Zehnarmige Tintenfische) und stellt frühere Hypothesen zur Habitatentwicklung infrage.

Instabile Ozeane der Kreidezeit

Im mittleren Abschnitt der Kreidezeit herrschten stark veränderte Umweltbedingungen in den Weltmeeren. Der Meeresspiegel lag deutlich höher als heute, große Teile der Kontinente waren von ausgedehnten Schelfmeeren bedeckt. Diese flachen Meeresbereiche waren jedoch keineswegs stabile Lebensräume.

Wiederkehrende Sauerstoffarmut in den Ozeanen – sogenannte anoxische Ereignisse – führte dazu, dass viele komplexe marine Ökosysteme nur eingeschränkt funktionsfähig waren.

Besonders die flachen Küsten- und Schelfregionen waren davon betroffen und boten nur temporär geeignete Bedingungen für die Entwicklung stabiler Tiergemeinschaften.

Vor diesem Hintergrund zeigen die genetischen Daten einen entscheidenden evolutionären Einschnitt:

Die frühen Vorfahren der Tintenfische spalteten sich bereits vor rund 100 Millionen Jahren in unterschiedliche ökologische Linien auf.

  • Eine Linie blieb dauerhaft in den tieferen und offenen Ozeanbereichen, wo relativ stabile Umweltbedingungen eine kontinuierliche Weiterentwicklung ermöglichten.
  • Eine zweite Linie existierte zunächst ebenfalls im pelagischen Raum, ohne sich frühzeitig in küstennahe Habitate zu verlagern.

Das Kreide-Paläogen-Ereignis als Katalysator

Vor etwa 66 Millionen Jahren markierte das Kreide-Paläogen-Ereignis eines der größten Massenaussterben der Erdgeschichte. Ein erheblicher Anteil der damaligen Arten verschwand sowohl an Land als auch in den Meeren.

Dadurch brachen bestehende ökologische Netzwerke weitgehend zusammen, während zahlreiche neue ökologische Nischen entstanden.

In der Folgezeit setzten schrittweise Rekolonisierungen und Umbauten mariner Lebensräume ein.

Insbesondere küstennahe Ökosysteme stabilisierten sich erneut, unter anderem durch veränderte Strömungsverhältnisse, Lichtbedingungen und ein differenzierteres Nahrungsangebot.

Eine der zuvor im offenen Ozean entstandenen Tintenfischlinien begann diese neu entstehenden Küstenhabitate systematisch zu erschließen.

Dabei kam es zu einer zunehmenden Spezialisierung auf unterschiedliche Lebensweisen – von benthisch lebenden Tarnformen bis hin zu aktiven, frei jagenden Arten im küstennahen Raum.

Am Meeresboden lebende spezialisierte Arten mit ausgeprägter Tarnung, die sie vor Fressfeinden schützt und die Jagd erleichtert.
Am Meeresboden lebende spezialisierte Arten mit ausgeprägter Tarnung, die sie vor Fressfeinden schützt und die Jagd erleichtert.

Long-Fuse-Modell der Evolution

Dieses zweiphasige Muster wird in der Evolutionsbiologie als Long-Fuse-Modell beschrieben. Es besagt, dass die grundlegende Aufspaltung evolutionärer Linien sehr früh erfolgt, während die tatsächliche Ausprägung von Artenvielfalt zeitlich deutlich verzögert einsetzt.

Im Fall der Tintenfische bedeutet dies:

Die zentralen evolutionären Linien entstanden bereits im mittleren Kreidezeitalter, doch die heutige Vielfalt wurde erst nach dem Massenaussterben sichtbar. Erst die neu entstandenen ökologischen Möglichkeiten ermöglichten eine rasche Diversifizierung von Körperformen, Verhaltensweisen und Lebensräumen.

Die sogenannte „Explosion“ der Vielfalt ist dabei weniger ein plötzlicher Ursprung, sondern vielmehr das Ergebnis einer langen genetischen Vorprägung, die erst unter veränderten Umweltbedingungen vollständig sichtbar wurde.

Quelle

Sanchez, G., Fernández-Álvarez, F.Á., Bernal, A. et al. Rapid mid-Cretaceous diversification of squid and cuttlefish preceded radiation into coastal niches. Nat Ecol Evol (2026).

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