Kooperationsbereitschaft: Menschen sind anderen gegenüber oft hilfsbereiter, als wir denken

Menschen rund um den Globus handeln häufiger gemeinschaftsorientiert, als allgemein angenommen wird. Eine groß angelegte internationale Studie zeigt, dass Kooperation weit verbreitet ist – und die Hilfsbereitschaft anderer oft unterschätzt wird.

Die meisten Menschen würden kooperieren und auf ihre eigenen Vorteile verzichten. Das zeigt eine neue Studie. Bild: Phil Reese/Pixabay
Die meisten Menschen würden kooperieren und auf ihre eigenen Vorteile verzichten. Das zeigt eine neue Studie. Bild: Phil Reese/Pixabay

Die meisten Menschen sind bereit, persönliche Vorteile zugunsten des Gemeinwohls zurückzustellen. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie. Die Forschenden wollten herausfinden, wodurch gemeinschaftliches Handeln gefördert wird und wie sehr sich die Kulturen voneinander unterscheiden.

Studiengrundlage waren Daten von mehr als 100.000 Personen aus 125 Ländern, die zusammen rund 92 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung abbilden sollen. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Science veröffentlicht.

Damit liefert die Studie von Forschenden der Universitäten Bonn und Frankfurt erstmals ein weltweit repräsentatives Bild darüber, wie kooperationsbereit Menschen gegenüber Fremden tatsächlich sind.

Zwischen Eigennutz und Gemeinwohl

Durchgeführt ein Verhaltensexperiment: Die Teilnehmer wurden jeweils einer unbekannten Person aus ihrem Heimatland zugeordnet und mussten zwischen zwei Handlungsoptionen wählen.

Wer sich gegen Kooperation entschied, erhielt sicher 100 US-Dollar. Die kooperative Variante brachte lediglich 70 US-Dollar ein. Wählten jedoch beide Beteiligten unabhängig voneinander diese Option, wurde zusätzlich eine Spende von 400 US-Dollar für Maßnahmen gegen den Klimawandel ausgelöst.

Weltweit entschieden sich durchschnittlich 69 Prozent der Teilnehmer für die kooperative Variante. Damit zeigt sich, dass die Bereitschaft, zugunsten eines gemeinsamen Ziels auf eigenes Einkommen zu verzichten, deutlich stärker ausgeprägt ist als häufig vermutet.

Die Wissenschaftler wollten herausfinden, welche Faktoren das kooperative Handeln fördern. Bild: Pixabay
Die Wissenschaftler wollten herausfinden, welche Faktoren das kooperative Handeln fördern. Bild: Pixabay

„Die individuellen Faktoren, die zu Kooperation führen sind bisher nicht ausreichend erforscht“, erklärt Prof. Dr. Armin Falk von der Universität Bonn. Die Studie liefert nun wichtige Hinweise darauf, welche Eigenschaften kooperatives Verhalten begünstigen.

Wichtig ist etwa die Erwartung darüber, wie andere Menschen handeln. Wer davon ausgeht, dass Mitmenschen ebenfalls kooperieren, entscheidet sich selbst wesentlich häufiger für gemeinschaftliches Verhalten.

Auch persönliche Eigenschaften beeinflussen das Handeln: Menschen mit stärker ausgeprägtem Altruismus, höherer Geduld und größerer Risikobereitschaft kooperieren häufiger. Unterschiede zwischen Männern und Frauen oder zwischen verschiedenen Altersgruppen fanden die Forschenden dagegen nicht. Ein höheres Bildungsniveau erhöhte hingegen die Wahrscheinlichkeit einer kooperativen Entscheidung.

Die Untersuchung zeigt außerdem, dass die Ausprägung der Kooperation kulturell beeinflusst wird. Die einzelnen Faktoren unterscheiden sich teils erheblich zwischen den Ländern.

So wirkt die Erwartung, dass andere kooperieren, in Finnland besonders stark auf das eigene Verhalten, während dieser Zusammenhang in Ägypten deutlich schwächer ausfällt. Historische und kulturelle Entwicklungen scheinen dabei eine wichtige Rolle zu spielen.

Die große Fehleinschätzung

Bemerkenswert ist auch, dass Menschen weltweit systematisch die Kooperationsbereitschaft ihrer Mitmenschen unterschätzen. Während tatsächlich 69 Prozent kooperierten, erwarteten die Befragten im Durchschnitt lediglich eine Quote von 47 Prozent.

In Deutschland fällt diese Fehleinschätzung besonders stark aus: Hier entschieden sich 86 Prozent für Kooperation, erwarteten von ihren Mitbürgern jedoch nur eine Quote von 47,6 Prozent.

Die Forschenden konnten zudem zeigen, dass sich dieser Pessimismus korrigieren lässt. Teilnehmer, die darüber informiert wurden, dass die Mehrheit der Weltbevölkerung den Klimawandel als ernstes Problem betrachtet, schätzten ihre Mitmenschen kooperativer ein und verhielten sich anschließend selbst häufiger kooperativ. Die Studie legt damit nahe, dass gesellschaftliches Vertrauen ein wichtiger Schlüssel für gemeinsames Handeln ist.

Quellenhinweis:

Falk, A., Boneva, T., Andre, P., & Chopra, F. (2026): Homo cooperans: Understanding the nature of human cooperation. Science.