Kann ein Algorithmus die Natur heilen? Dieses Werkzeug findet die wichtigsten Lücken im Ökosystem
Kann ein Algorithmus der Natur helfen? Ein neues Verfahren findet unscheinbare Flächen, deren gezielte Renaturierung getrennte Lebensräume wieder verbinden und damit überraschend große Wirkung für ganze Ökosysteme entfalten könnte.

Straßen, Siedlungen, Bahnstrecken und intensiv genutzte Agrarflächen zerschneiden natürliche Landschaften. Selbst geschützte Gebiete können dadurch zu isolierten Inseln werden.
Tiere und Pflanzen können sich zwischen ihnen immer schwerer ausbreiten, Populationen verlieren den genetischen Austausch und ganze Ökosysteme werden anfälliger.
Genau hier setzt das Forschungsprojekt MEDCONECTA an. Forschende der Weltnaturschutzunion IUCN und der spanischen Forschungsstation für Trockengebiete EEZA-CSIC haben ein Verfahren entwickelt, das potenzielle grüne Korridore zwischen Natura-2000-Gebieten identifiziert.
Grundlage ist die 2026 veröffentlichte MEDCONECTA-Entscheidungshilfe für Projekte der Grünen Infrastruktur. Sie erklärt, wie strategisch wichtige Flächen gefunden, bewertet und durch naturbasierte Maßnahmen aufgewertet werden können.
Algorithmus sucht nach ökologischer Ähnlichkeit
Das Herzstück ist der Algorithmus CatGrowing. Von den Grenzen eines Schutzgebietes aus untersucht er die umliegende Landschaft und vergleicht deren ökologischen Zustand mit den Bedingungen innerhalb des Schutzgebietes.
Dabei geht es nicht nur darum, ob sich dort Wälder, Äcker oder Buschland befinden. Einbezogen werden auch die ökologische Reife der Vegetation, ihre Biomasse und die Nettoprimärproduktion – also vereinfacht die Menge pflanzlicher Substanz, die ein Ökosystem aufbaut.
Ähnelt die Umgebung dem Schutzgebiet, erweitert der Algorithmus dessen Rand rechnerisch immer weiter. Treffen die ermittelten Bereiche benachbarter Schutzgebiete aufeinander, kann daraus ein potenzieller grüner Korridor entstehen.
Kleine Fläche, große Wirkung
Besonders interessant sind kleine Flächen zwischen zwei geeigneten Landschaftsbereichen, die wegen ihres schlechten ökologischen Zustandes zunächst nicht zum Korridor gehören. Das Verfahren kann simulieren, wie stark sie verbessert werden müssten, um die bestehende Lücke zu schließen.
Damit verändert MEDCONECTA den Blick auf Renaturierung:
Nicht immer ist die größte oder am stärksten zerstörte Fläche am wichtigsten. Ein kleiner, strategisch gelegener Landstreifen kann wesentlich mehr bewirken, wenn er zwei große Lebensräume miteinander verbindet.
Von Hecken bis zu renaturierten Wasserflächen
Die offizielle Entscheidungshilfe nennt zahlreiche mögliche Maßnahmen: heimische Hecken und Blühstreifen, die Renaturierung aufgegebener Äcker und Bewässerungsbecken, die Wiederherstellung von Flussläufen, den Rückbau ungenutzter Wege, die Entfernung invasiver Pflanzen sowie Querungshilfen für Wildtiere.
Erprobt wurde der Ansatz in den trockenen Regionen Murcia, Alicante und Almería. Dort wurden unter anderem Hecken zwischen Agrarflächen, ein aufgegebenes Bewässerungsbecken und nicht mehr benötigte Wege als mögliche Ansatzpunkte ausgewählt.

Die endgültige Entscheidung bleibt beim Menschen
Der Algorithmus renaturiert jedoch keine Landschaft und trifft auch keine endgültigen Entscheidungen. Fachleute müssen seine Ergebnisse im Gelände überprüfen. Eigentumsverhältnisse, Artenschutz, Kosten, Genehmigungen, Pflegeaufwand und die Zustimmung der Bevölkerung bleiben entscheidend.
CatGrowing ist deshalb kein digitaler Heiler der Natur, sondern ein Planungsinstrument. Es kann zeigen, wo begrenzte Mittel möglicherweise die größte Wirkung entfalten. Denn widerstandsfähige Ökosysteme benötigen nicht nur Schutzgebiete – sie brauchen funktionierende Verbindungen.
Artikelreferenz
Zentrum für die Zusammenarbeit im Mittelmeerraum der Weltnaturschutzunion, IUCN Med. Leitfaden zur Entscheidungsfindung bei Projekten der Grünen Infrastruktur mit Schwerpunkt auf ökologischer Vernetzung und naturbasierten Lösungen.