Europa, Kanada, Nord- und Südamerika in Flammen: Hat das vom Menschen geschaffene Pyrozän längst begonnen?
Von den Mittelmeerländern über Finnland und Kanada bis nach Südamerika brennen Landschaften. Feuerhistoriker Stephen Pyne erkennt darin die Vorboten eines neuen Zeitalters – des vom Menschen geschaffenen Pyrozäns.

In Südeuropa kämpfen Einsatzkräfte seit Wochen immer wieder gegen verheerende Vegetationsbrände. Doch auch Nordeuropa und die Gebiete jenseits des Atlantiks bleiben nicht verschont. In Kanada, den USA und Teilen Südamerikas bedrohen Wald- und Vegetationsbrände aktuell riesige Landschaften, Ökosysteme und Siedlungen. Weltweit kämpfen tausende Feuerwehrleute und andere Einsatzkräfte während einer besonders schwerer Brandsaison gleichzeitig gegen zahlreiche Feuer.
Das Feuerzeitalter beginnt nicht im Wald – sondern in Kraftwerken und Motoren
Der amerikanische Feuerhistoriker Stephen Pyne ordnet die gegenwärtigen Landschaftsbrände in eine viel umfassendere Entwicklung ein:
Der Mensch hat das Feuer von der Verbrennung lebender Biomasse auf Kohle, Erdöl und Erdgas ausgeweitet und damit begonnen, die Erde grundlegend zu verändern. Das entscheidende Feuer lodert nicht ausschließlich in Kanada, den USA oder Südeuropa. Es brennt täglich in Kraftwerken, Industrieanlagen, Heizungen, Flugzeugturbinen und den Motoren von Milliarden Fahrzeugen.
Pyne unterscheidet zwischen drei Formen des Feuers:
Dem natürlichen Feuer durch Blitze oder Vulkane, dem vom Menschen kontrollierten Feuer und der industriellen Verbrennung fossiler Energieträger.
Für diese dritte Form holt die Menschheit Kohle, Erdöl und Erdgas aus den Tiefen der Erde und setzt deren gespeicherte Energie innerhalb kürzester Zeit frei.
Damit hat der Mensch das Feuer von seinen natürlichen Grenzen befreit. Es kann unabhängig von Jahreszeiten, Vegetation und Wetter jederzeit brennen – solange fossiler Brennstoff verfügbar ist.
Vom Pleistozän, dem Eiszeitalter, über das Holozän zum Pyrozän: Wir erschaffen ein Feuerzeitalter
Das Ergebnis bezeichnet Pyne als „Pyrozän“: ein vom Menschen geschaffenes Zeitalter des Feuers. Der Begriff ist keine offiziell anerkannte geologische Epoche, sondern ein wissenschaftliches Denkmodell. Es soll erklären, wie die Verbrennung fossiler Energieträger die Energie- und Stoffkreisläufe der Erde verändert:
- Die daraus entstehende Erderwärmung verstärkt Hitzeperioden und kann Landschaften schneller austrocknen.
- Brennt anschließend die Vegetation, gelangen weitere Treibhausgase in die Atmosphäre.
- Gleichzeitig können Wälder geschädigt werden, die zuvor Kohlenstoff gespeichert haben. Fossiles und landschaftliches Feuer greifen dadurch ineinander.
Nicht jedes heutige Großfeuer lässt sich allein dem Klimawandel zuschreiben. Doch die veränderten Bedingungen können Brände größer, intensiver und schwerer kontrollierbar werden lassen.
Feuer ersetzt den Rhythmus des Eises
Pyne geht mit seiner These noch weiter. Über Jahrtausende bestimmten Eiszeiten und wärmere Zwischeneiszeiten den großen Rhythmus des Erdklimas. Durch die massive Freisetzung von Treibhausgasen hat die Menschheit diesen Ablauf durchbrochen und eine natürliche zukünftige Abkühlung überlagert.
Das Pyrozän sagt nicht exakt voraus, welche Region wann brennen wird. Es verbindet jedoch die einzelnen Katastrophen zu einer gemeinsamen Geschichte: Der Mensch lernte zunächst, Feuer zu nutzen. Danach begann er, ganze Landschaften umzubauen. Schließlich erschloss er fossile Brennstoffe und veränderte damit das Klima des Planeten.
Southern Europe is seeing fewer wildfires than it did in the 1980s, but hotter, drier weather is making the fires that do start far more dangerous.
— UNDRR (@UNDRR) August 11, 2026
Wildfire risk reduction needs to keep pace with these changing conditions.
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Das Feuer übernimmt in Pynes Analogie die Rolle des Eises
Pynes Vorstellung vom Pyrozän reicht weit über häufigere Waldbrände hinaus: Den prägenden Erscheinungen einer Eiszeit stellt er die tiefgreifenden Veränderungen einer vom Feuer geformten Welt gegenüber.
An die Stelle von Eisschilden, großen eiszeitlichen Seen, Permafrost und ausgedehnten Ablagerungsflächen treten vom Feuer veränderte Lebensgemeinschaften, unter einem Mangel an natürlichem Feuer leidende Ökosysteme, tauender Permafrost und gewaltige Rauchdecken.
Auch andere Entwicklungen verlaufen in entgegengesetzter Richtung:
- Während während einer Eiszeit große Wassermengen in Eisschilden gebunden sind und der Meeresspiegel sinkt, lassen die gegenwärtige Erwärmung und das Abschmelzen von Landeis den Meeresspiegel steigen.
- Gleichzeitig verändern sich Lebensräume und die biologische Vielfalt geht zurück.
Für Pyne wird das Feuer damit zu einem Bild für eine Kraft, die den Planeten auf unterschiedlichen Wegen grundlegend umgestaltet: unmittelbar durch Landschaftsbrände und mittelbar durch die Verbrennung fossiler Energieträger.
Wir treten demnach nicht bloß in eine Zukunft mit mehr Landschaftsbränden ein. Nach Pynes Konzept erschafft die Menschheit eine Welt, in der offenes und fossiles Feuer die Erde so tiefgreifend umgestalten, wie es in vergangenen Erdzeitaltern das Eis getan hat – das Pyrozän.
Artikelreferenz
Stephen J. Pyne, Earth’s Future. (17 October 2020 2020). From Pleistocene to Pyrocene: Fire Replaces Ice.