Empathische Tiere: Ratten zeigen Mitgefühl gegenüber Freunden – jedoch anders als Menschen
Wissenschaftler haben das Einfühlungsvermögen von Ratten neu untersucht. Demnach beruht deren Hilfeleistung gegenüber Artgenossen sogar auf echter Empathie. Die jedoch lässt sich mit der menschlichen Empathie nur bedingt vergleichen.

Ratten besitzen komplexere soziale Fähigkeiten als lange angenommen. Das ergibt eine neue Studie der Ruhr-Universität Bochum. Die Wissenschaftler untersuchten, ob Einfühlungsvermögen eine rein menschliche Eigenschaft ist – oder ob sie in abgestufter Form auch im Tierreich vorkommt.
Eine vielzitierte Studie aus dem Jahr 2011 hatte zwei miteinander vertraute Ratten in einem großen Käfig beobachtet. Eine der Ratten wurde in einen engen Behälter gesperrt, der sich nur von außen öffnen ließ. Die zweite, frei bewegliche Ratte stand vor der Wahl, entweder das Futter zu fressen oder dem gefangenen Freund zu helfen – und entschied sich dafür, zuerst den Käfig zu öffnen und erst danach zu fressen. „Was will man mehr, um zu zeigen, dass Empathie vorliegt?“, fragt Ko-Autorin Maja Griem.
Empathie im Tierreich
In ihrer grundlegenden Neubewertung existierender Studien fasste das Forscherteam Empathie nicht als Alles-oder-Nichts-Prinzip auf, sondern als mehrere psychologische Dimensionen. So werden etwa folgende Fähigkeiten unterschieden: das Erkennen von Emotionen, das Erfassen der Situation, das Einschätzen mentaler Zustände sowie flexible und auf den anderen gerichtete Verhaltensanpassung.
„Insgesamt haben wir also fünf Dimension von Fähigkeiten, die eng mit Empathie verknüpft sind“, fasst Albert Newen zusammen, Erstautor der in der Fachzeitschrift Biological Reviews veröffentlichten Studie.

Und auch andere Tierarten weisen Verhaltensweisen auf, die stark an Empathie erinnern: Delfine etwa helfen verletzten Artgenossen sowie Menschen, an der Wasseroberfläche zu bleiben. Schimpansen trösten einander durch Umarmungen, etwa nach Konflikten. Ebenso helfen Elefanten ihren verletzten oder erschöpften Herdenmitgliedern.
Weitere Vergleiche, auch mit Hunden, Vögeln und Nagetieren, zeigen, dass sich die Ausprägung der empathischen Fähigkeiten jedoch klar unterscheidet: Bei Ratten etwa sind Emotionserkennung und Situationsverständnis nur moderat ausgeprägt. Gleichzeitig kommen mentale Zuschreibungen kaum vor. Das Verhalten ist zwar flexibel, aber nur teilweise auf andere gerichtet.
Damit lasse sich die frühere Ja-oder-Nein-Sicht ersetzen, so Newen: „Wir können genauer bestimmen, über welche Art beziehungsweise welches Profil von Empathie in einem graduellen Verständnis sie verfügen.“ Die Forschenden sehen in ihrer Arbeit einen wichtigen Schritt – weg von einfachen Kategorien hin zu Graden sozialer Kognition im Tierreich.
Die Interpretation bleibt in der Fachwelt jedoch umstritten, da einige Forschende weiterhin zwischen tierischem Sozialverhalten und echter menschlicher Empathie unterscheiden.
Hinzu kommt, dass Haustiere wie Hunde oft menschlich interpretiert werden, was die Bewertung emotionaler Fähigkeiten zusätzlich verzerren kann. Das Bochumer Team plädiert deshalb für streng vergleichbare Kriterien, um Empathie tierartenübergreifend und objektiv einordnen zu können.
Empathie als kontinuierliches Spektrum
Die Ergebnisse fügen sich in eine wachsende Debatte über tierische Kognition und emotionale Fähigkeiten ein. Sie legen nahe, dass Empathie kein ausschließlich menschliches Privileg ist. Weitere Studien sollen nun klären, welche neurologischen Mechanismen diesem Verhalten zugrunde liegen.
Außerdem soll das Modell auf weitere Arten ausweiten und stärker experimentell überprüft werden. Besonders interessant ist dabei die Frage, wie flexibel Empathie in komplexen sozialen Gruppen tatsächlich funktioniert. Auch die Unterscheidung zwischen Mitgefühl, Empathie und bloßem Lernverhalten bleibt Gegenstand der Forschung. Nicht zuletzt sind die Ergebnisse auch für Fragen des Tierschutzes und der ethischen Bewertung von Tierverhalten relevant.
Empathie wird damit als kontinuierliches Spektrum verstanden, und nicht als Eigenschaft, die entweder vorhanden ist oder nicht. Das verändert die Sicht auf tierische Intelligenz nachhaltig und grundlegend.
Artikelreferenz
Newen, A., Griem, M., Huber, L., Bugnyar, T., Blaisdell, A., Pika, S. (2026). Animal Empathy Reconsidered: A Multidimensional Profile Account.