Astro-Alex und das Loch im All: „Erst mit dem Finger, dann mit Klebeband" – wie ein Deutscher die ISS rettete

Ein Riss in der Raumstation, der Luftdruck fällt – und ausgerechnet ein schwäbischer Astronaut greift zum simpelsten Werkzeug überhaupt. Die irre Geschichte hinter dem berühmtesten Klebeband der Raumfahrt.

Reparatur im Weltraum - ein Deutscher macht´s!
Reparatur im Weltraum - ein Deutscher macht´s!

Es ist eine dieser Nächte, in denen die Bodenkontrolle in Houston und Moskau gleichzeitig hellwach wird: Sensoren melden einen langsamen, aber stetigen Druckabfall in der Internationalen Raumstation. Kein Grund zur Panik, aber auch nichts, was man ignorieren sollte – im Vakuum des Weltalls ist jedes bisschen Atemluft kostbar.

Die Crew rund um den Deutschen Alexander Gerst macht sich auf die Suche. Schnell ist klar: Das Problem sitzt in der angedockten Sojus-Kapsel, genauer im sogenannten Orbital-Modul, das beim Rückflug ohnehin abgesprengt wird und verglüht.

Drei Millimeter, die für Aufregung sorgten

Was die Astronauten finden, ist winzig – und genau das macht es so tückisch. Ein Loch von gerade einmal rund drei Millimetern Durchmesser klafft in der Außenwand. Durch diese Mini-Öffnung entwich die wertvolle Luft ins All. Zum Glück lag die Stelle an einem Punkt, an den die Besatzung tatsächlich herankam.

Gerst beschrieb das Vorgehen später trocken und fast schon humorvoll: Versiegelt wurde zuerst ganz buchstäblich mit dem Finger, danach kam – ja, wirklich – Klebeband zum Einsatz. Erst danach folgte die professionelle Lösung.

Mullbinde und Epoxidharz statt Hightech

Wer jetzt an glänzende Weltraumtechnik denkt, liegt daneben. Die dauerhafte Reparatur bestand aus einem Pfropfen aus Teilen einer Mullbinde und Epoxidharz – also im Grunde Material, das man auch in jedem gut sortierten Verbandskasten oder Baumarkt findet. Improvisation auf höchstem Niveau.

„Gestern hat sich wieder gezeigt, wofür unser Notfalltraining gut ist", twitterte Gerst danach. Und damit hatte er recht: Genau solche Situationen werden monatelang am Boden simuliert, von Druckabfall über Feueralarm bis zum Austritt von gefährlichem Kühlmittel.

Wer ist dieser „Astro-Alex" eigentlich?

Hinter dem coolen Krisenmanager steckt ein echter Wissenschaftler. Alexander Gerst, Jahrgang 1976, stammt aus dem schwäbischen Künzelsau und ist von Haus aus Geophysiker. Seine Doktorarbeit drehte sich um die Eruptionsdynamik des Vulkans Mount Erebus in der eisigen Antarktis – ein Mann, der vor Extremen also noch nie zurückgeschreckt ist.

2009 wurde er von der europäischen Raumfahrtagentur ESA ausgewählt, flog 2014 das erste Mal ins All und kehrte 2018 zurück – diesmal sogar als erster deutscher Kommandant der ISS. Insgesamt verbrachte er weit über 360 Tage in der Schwerelosigkeit.

Ein Loch, viele Fragen – und ein kühler Kopf

Bis heute sorgt die Entstehung des Lochs für Diskussionen. Russische Experten der Behörde Roskosmos vermuteten zeitweise einen Fehler bereits bei der Herstellung am Boden, andere Fachleute wie der deutsche Raumfahrer Ulrich Walter zweifelten früh an der zunächst kursierenden Meteoriten-Theorie. Sicher ist nur: Eingeschlagen ist hier wohl nichts aus dem All.

Für Gerst und seine Crew zählte am Ende ohnehin nur eines – dass alles unter Kontrolle blieb. Die Mission lief weiter, der Rückflug zur Erde gelang sicher. Und nebenbei lieferte ein Deutscher den vielleicht charmantesten Beweis dafür, dass selbst in der Hightech-Raumfahrt manchmal der gesunde Menschenverstand (und ein Rolle Klebeband) am meisten zählt.


Quellenhinweis

Magazin GEO, Alexander Gerst "reparierte" ein Loch in der ISS einst mit Klebeband

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