Stärkster El Niño seit 155 Jahren – Wetterforscher warnt: "Der Winter kippt"
Im Pazifik braut sich etwas zusammen, das die Wetterkarten weltweit umschreiben könnte. Drei große Wettermodelle sind sich einig – und für Deutschland wird es im Winter spannend.

Es passiert tausende Kilometer entfernt, mitten im Pazifik, und trotzdem geht es uns alle an. Dort hat sich im Laufe der letzten Wochen eine gewaltige Warmwasserblase an die Oberfläche gearbeitet. El Niño ist zurück – und zwar nicht als laues Lüftchen, sondern in einer Dimension, die selbst erfahrene Meteorologen aufhorchen lässt.
Die Rechnungen der amerikanischen, europäischen und australischen Wetterdienste zeigen alle in dieselbe Richtung: Wir steuern auf ein Super-El-Niño zu. Die Abweichungen der Meerestemperatur könnten drei Grad über dem Normalwert liegen, örtlich sogar vier. Solche Werte gab es in den Aufzeichnungen seit 1870 noch nie.
Was da im Pazifik gerade passiert
El Niño ist im Kern eine simple Sache mit gewaltiger Wirkung. Normalerweise schieben die Passatwinde warmes Oberflächenwasser nach Westen, Richtung Indonesien. Vor Südamerika steigt dafür kaltes Tiefenwasser auf. Genau dieser Mechanismus bricht jetzt zusammen. Die Passate erlahmen, das warme Wasser schwappt zurück nach Osten.
Was folgt, ist eine Kettenreaktion. Über dem aufgeheizten Ozean steigt feuchte Luft auf, die Walker-Zirkulation kippt, und mit ihr verschieben sich die Regengebiete rund um den halben Globus. Australien und Indonesien trocknen aus, Peru und Ecuador versinken im Regen. Und der Jetstream, jenes Starkwindband in rund zehn Kilometern Höhe, das unser Wetter steuert, bekommt einen kräftigen Schubs.
Der Hitzesommer bekommt Rückenwind
Für den laufenden Sommer bedeutet das nichts Gutes. El Niño heizt die globale Mitteltemperatur zusätzlich an, wie ein Verstärker, der unter alles noch ein paar Zehntelgrad drunterlegt. Rekordjahre folgen fast immer auf starke El-Niño-Phasen, das war 2016 so und 2024 ebenfalls.
Die Hitzewellen, die wir gerade erleben, werden dadurch nicht ausgelöst – aber sie fallen heftiger aus, als sie ohne diesen Zusatzschub ausfallen würden. Ein bis zwei Grad mehr am oberen Ende der Skala entscheiden darüber, ob eine Region 39 oder 41 Grad sieht.
Und dann kommt der Winter
Jetzt wird es für uns richtig interessant. Ein starker El Niño hat die unangenehme Eigenschaft, den Polarwirbel über der Arktis zu schwächen. Dieser riesige Luftwirbel funktioniert wie ein Deckel, der die eisige Polarluft am Nordpol festhält. Wird er instabil, rutscht die Kaltluft nach Süden.
Genau dieses Signal taucht in den ersten Langfristmodellen für den Winter 2026/27 auf. Kommt dann noch eine plötzliche Stratosphärenerwärmung dazu, kann der Deckel richtig wegfliegen. Die Folge wären Kälteeinbrüche und Schnee bis in tiefe Lagen – ausgerechnet nach einem der heißesten Sommer der Messgeschichte.
Vorsicht bei zu großer Vorfreude
Ehrlich bleiben gehört dazu: Eine Winterprognose im Juli ist keine Wettervorhersage, sondern eine Wahrscheinlichkeitsrechnung. El Niño erhöht das Risiko einer Polarwirbelstörung deutlich, garantiert sie aber nicht. Der Winter 2015/16 folgte ebenfalls auf ein Super-El-Niño – und wurde in Deutschland viel zu mild.
Entscheidend ist der Zeitpunkt. Bricht der Wirbel im Januar zusammen, haben wir gute Karten für Schnee und Frost. Passiert es erst im März, war der Winter längst gelaufen. Diese Unterscheidung geht in vielen Schlagzeilen unter.
Was jetzt zu tun ist
Die nächsten sechs bis acht Wochen liefern die Antwort. Bis Anfang September zeigt sich, ob El Niño das Tempo hält oder auf halbem Weg abbremst. Erst dann lässt sich seriös sagen, wohin die Reise geht.
Klar ist schon jetzt: Wir bekommen einen Winter, der eng beobachtet werden muss. Wer eine Wärmepumpe plant, Heizöl bestellt oder auf Winterreifen wartet, sollte die Entwicklung im Auge behalten. Und wer sich Schnee wünscht, hat in diesem Jahr immerhin bessere Argumente als sonst.