Rekord-El-Niño außer Kontrolle: Pazifik so heiß wie nie seit Messbeginn, jetzt rückt unser Winter ins Visier

Im Pazifik läuft etwas aus dem Ruder. Der El Niño steuert auf Rekordstärke zu, die Folgen reichen rund um den Globus. Und jetzt gerät auch unser Winter ins Visier.

Hat der Super-El-Niño wirklich keinen Einfluss auf unseren Winter in Deutschland?
Hat der Super-El-Niño wirklich keinen Einfluss auf unseren Winter in Deutschland?

Die Zahlen sind selbst für erfahrene Meteorologen kaum zu glauben. Im zentralen tropischen Pazifik liegt das Meerwasser derzeit rund 2,3 Grad über dem Normalwert, vor Peru und Ecuador sind es stellenweise sogar mehr als 3 Grad. So warm war es dort zu dieser Jahreszeit noch nie, seit es regelmäßige Messungen gibt. Und das Erstaunliche daran: Seinen Höhepunkt erreicht ein El Niño normalerweise erst zwischen November und Januar.

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Das Ende der Fahnenstange ist also noch gar nicht erreicht. Die Wahrscheinlichkeit für einen sehr starken El Niño liegt inzwischen bei über 90 Prozent. Noch brisanter: Mit rund 75 Prozent Wahrscheinlichkeit wird er alle Ereignisse seit 1950 übertreffen, auch die gefürchteten Super-El-Niños von 1982/83, 1997/98 und 2015/16. Die Wettermodelle sind sich dabei so einig wie selten zuvor.

Warum der Pazifik gerade überkocht

Im Normalfall schieben kräftige Passatwinde das warme Oberflächenwasser quer über den Pazifik nach Westen, bis nach Indonesien und Australien. Vor Südamerika strömt dafür kaltes Wasser aus der Tiefe nach oben. Dieses System hält das Wetter in den Tropen seit jeher im Gleichgewicht.

Warum droht ein so starker El-Niño?

Nach den La-Niña-Phasen der vergangenen Jahre hatte sich im westlichen Pazifik ein riesiges Reservoir an warmem Wasser angestaut, das nur auf einen Auslöser wartete. Diesen lieferten im Frühjahr und Sommer mehrere kräftige Westwind-Ausbrüche, die die Passate schwächten und das warme Wasser in großen Wellen nach Osten schoben. Dazu kommt der Klimawandel: Die Ozeane sind insgesamt so warm wie nie, und dieses höhere Grundniveau verstärkt jeden El Niño zusätzlich.

Bei einem El Niño gerät genau dieses Gleichgewicht ins Wanken. Die Passate schwächeln oder drehen sogar, das warme Wasser schwappt zurück nach Osten, und der kalte Nachschub aus der Tiefe bleibt aus. Plötzlich verschieben sich die Regen- und Druckzentren der Tropen um Tausende Kilometer. Was dort passiert, wirkt wie ein Stein, der ins Wasser fällt: Die Wellen breiten sich über die halbe Erde aus.

Sintflut hier, Dürre dort

Die Folgen zeichnen sich bereits ab. Kalifornien hat den Notstand ausgerufen, weil im Winter heftige Regenfälle, Sturzfluten und Erdrutsche erwartet werden. Peru und Ecuador drohen ähnliche Szenarien. Am anderen Ende des Pazifiks geht es in die Gegenrichtung: In Indonesien, auf den Philippinen und in Australien wächst die Gefahr von Dürre, Missernten und verheerenden Buschfeuern.

Auch auf den Ozeanen hinterlässt der El Niño seine Spuren. Die Hurrikansaison im Atlantik verläuft ungewöhnlich ruhig, weil starke Höhenwinde die Stürme regelrecht zerschneiden. Im Ostpazifik dagegen wirbelt ein Sturm nach dem anderen. Und wenn in Brasilien, Westafrika oder Südostasien die Ernten leiden, landet das früher oder später auch bei uns: Kaffee, Kakao, Reis und Palmöl könnten spürbar teurer werden.

Die Erde steuert auf ein Extremjahr zu

Damit nicht genug. Der aufgeheizte Pazifik gibt gewaltige Wärmemengen an die Atmosphäre ab, und das treibt mit einigen Monaten Verzögerung die globale Durchschnittstemperatur nach oben. Das war nach 2015/16 so, und auch der El Niño von 2023/24 hat die Welt auf Rekordkurs geschickt.

Das Wasser des Pazifiks ist ordentlich aufgewärmt. Das könnte es starkes El-Niño-Phänomen befeuern.
Das Wasser des Pazifiks ist ordentlich aufgewärmt. Das könnte es starkes El-Niño-Phänomen befeuern.

Kommt jetzt ein noch stärkeres Ereignis obendrauf, und das auf dem ohnehin erhöhten Niveau des Klimawandels, ist die Richtung klar: 2027 hat beste Chancen, das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen zu werden. Die symbolische Grenze von 1,5 Grad Erwärmung dürfte dann wieder deutlich gerissen werden.

Der lange Arm bis nach Europa

Doch was heißt das alles für Deutschland? Zunächst die gute Nachricht: Der direkte Einfluss auf unser Wetter ist deutlich schwächer als in Amerika oder Asien. Zwischen uns und dem Pazifik liegt der Atlantik, und dort gibt die Nordatlantische Oszillation den Takt vor. Sie entscheidet, ob uns milde Westwinde oder kalte Hochdrucklagen erreichen.

Ganz ohne Wirkung bleibt ein Rekord-El-Niño aber nicht. Bei früheren starken Ereignissen zeigte sich ein auffälliges Muster: Der Frühwinter fiel in Mitteleuropa oft mild, nass und stürmisch aus, weil Tief um Tief vom Atlantik hereinzog. Im Spätwinter dagegen kippte die Lage häufiger, die Westströmung brach zusammen und eisige Luft aus Nordosten fand ihren Weg nach Deutschland.

So könnte unser Winter jetzt laufen

Der bisher stärkste Fall liegt gar nicht lange zurück. Im Winter 2015/16 erlebte Deutschland einen der mildesten Dezember aller Zeiten, mancherorts blühten die Forsythien, Schnee gab es im Flachland praktisch nicht. Auch die Winter 1982/83 und 1997/98 verliefen überwiegend mild. Vieles spricht dafür, dass es diesmal ähnlich losgeht: grüne Weihnachten, viel Regen und immer wieder Sturm.

Spannend wird es danach. Im Januar und Februar bleibt die Tür für einen Kälteeinbruch einen Spalt offen, vor allem wenn sich ein kräftiges Hoch über Skandinavien festsetzt. Ein klassischer Eiswinter mit wochenlangem Dauerfrost wäre dennoch eine große Überraschung. Wer sich nach Schnee sehnt, braucht in diesem Winter also Geduld und sollte seine Hoffnungen eher auf das letzte Drittel des Winters setzen.