Technologieoffenheit - das politische Zauberwort

Dies ist die Geschichte einer sehr wirksamen PR-Strategie, um den Klimaschutz klein zu reden. Oder anders gesagt: wie verwirrt man die Gesellschaft in den Diskussionen zur Lösung der Klimakrise.

Die Erderwärmung kümmert sich nicht um verbale Wortspiele
Die Erderwärmung kümmert sich nicht um verbale Wortspiele

Ohne Zweifel sind neue Technologien, notwendig und wichtig, um die Ursachen und die Folgen der Klimaveränderungen zu lösen. Gute und wirksame Beispiele dafür sind Netzspeicher und Wärmepumpen. Auch die Elektromobilität ist ein äußerst effizienter Ersatz für fossile Verbrennungsmotoren.

Ganz unabhängig von den vielen positiven Beispiele arbeiten mächtige Lobbyverbände, angeführt von den „Global Playern“ der fossilen Energieträger oder Teilen der Automobilindustrie sehr geschickt daran, alte Technologien so lange wie möglich im Geschäft zu halten. Ihr Zauberwort bei all ihren Forderungen lautet „Technologieoffenheit“

Ein Wort gegen das Klima

Das deutsche Regierungskabinett hat am 26.März 2026 ein neues Klimaschutzprogramm auf den Weg gebracht. Mit den geplanten Maßnahmen will Deutschland dem Ziel der Klimaneutralität bis 2045 näherkommen und seine Zwischenziele bis 2030 und 2040 erreichen.

Während die Kritik der Nichtregierungsorganisationen und der Klimawissenschaft sich auf die „ungenügende Wirkung und Verbindlichkeit“ der Maßnahmen stützt, plädieren Teile der deutschen Politik -auch auf EU-Ebene- für eine völlig andere Richtung. Sie fordern, wie schon seit vielen Jahren, dass die Klimaziele „technologieoffen erreicht werden“ müssen.

Technologieoffen

Das klingt fortschrittlich, unideologisch und aufgeschlossen. Ein Begriff der in der deutschen Politik eine steile Karriere gemacht hat, und zwar als Vorwurf und als Versprechen.

Es ist noch gar nicht so lange her, da war das Wort „Technologieoffenheit“ eher unbekannt. Heute dominiert es die klimapolitischen Debatten.

Worte wirken!

Das österreichische Kontext-Institut ist den verschlungenen Wegen des Begriffes und seiner Wirkung in einer Diskursanalyse nachgegangen.

In der Kommunikationsforschung ist die Wirkung von Worten seit langem bekannt. „Framing“ heißt der Fachbegriff dafür, wie Worte unser Denken beeinflussen.

Das erkannte schon Edward Bernays, der als Gründungsvater der PR gilt. Als die Tabakindustrie Frauen als Zielgruppe erschließen wollte, gab sie Bernays den Auftrag dabei mitzuhelfenb. Er verknüpfte Zigaretten mit der Frauenbewegung und verkaufte Rauchen als weiblichen Akt der Selbstbestimmung. Zigaretten nannte er „Fackeln der Freiheit“.

Laut dem Kontext-Institut eigne sich das Wort „Technologieoffenheit“ besonders dafür, Klimapolitik zu hintertreiben. Der Begriff wirke auf den ersten Blick wissenschaftlich fundiert und werteoffen. Tatsächlich aber blende der Begriff Fakten meist komplett aus und verzögere damit notwendige klimapolitische Priorisierungen.

Das Märchen der E-Fuels

Ein Beispiel dazu aus der Verkehrswende. Klimafreundliche Mobilität verlangt nach Alternativen zum umweltschädlichen Benzin und Diesel. E-Autos sind dabei die effizienteste Form, denn sie brauchen am wenigsten Energie, damit sich die PKW-Räder drehen. Ihr „Power-to-Wheel“-Wirkungsgrad liegt bei über 80 Prozent.

E-Fuels, die theoretisch Diesel und Benzin ersetzen könnten, sind dagegen höchst ineffizient. Der Treibstoff kann zwar klimafreundlich hergestellt werden, aber ihr Wirkungsgrad liegt nur bei 13 Prozent. Enorme Energiemengen gehen schon bei der Herstellung verloren.

Jeder Verbrennungsmotor wandelt außerdem nur einen Bruchteil des verwendeten Kraftstoffs in Bewegung um. Das meiste wird als Wärmeenergie verschwendet.

E-Fuels werden laut den Prognosen auch in Zukunft teuer und knapp sein.

Es herrscht also ein breiter wissenschaftlicher Konsens über die effizienteste Technologie für die Ökologisierung des Pkw-Verkehrs

heißt es in der Kontext-Analyse.

Dennoch würden unter dem Deckmantel der Technologieoffenheit weitaus ineffizientere, teurere und schwerer verfügbare Technologien beworben, was die Nutzung von mit Diesel und Benzin betriebenen Autos verlängere und die Verbreitung der Elektromobilität verschleppe.

Und die Folgen betreffen nicht nur das Klima.

Martin Gornig, der Forschungsdirektor für Industriepolitik am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, warnte jüngst im e-Magazin „Produktion“:

Technologieoffenheit ist der Niedergang der deutschen Industrie, wenn dadurch in keiner Technologie hinreichend investiert wird.

Der Begriff stehe dafür, alten Technologien die Pfründe zu sichern und neue zu verhindern.

Schaden für die Wirtschaft

Damit trägt der Begriff dazu bei, der Wirtschaft zu schaden. Deutschland habe etwa die Entwicklung auf dem chinesischen Automarkt verschlafen, der auf E-Mobilität setzt und für die deutsche Autoindustrie ein riesiger Absatzmarkt war und ist.

Früher waren die deutschen Produkte in China erfolgreich, weil die chinesischen Käufer den Eindruck hatten, das seien bessere Autos als ihre eigenen. Heute fragen sie sich, warum sie für schlechtere Autos aus Deutschland mehr Geld bezahlen sollen.

so Gornig

China geht seinen Weg konsequent weiter - während die westliche Welt diskutiert
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Drehbuch der Verschleppung

Wie der Begriff der Technologieoffenheit in der Klimadebatte so erfolgreich wurde hat das Zeug zu einem spannenden Drehbuch. Das Kontext-Institut bezeichnet es als ein „Verschleppungsdrehbuch“, dass darauf abziele,

….Klimaschutzmaßnahmen zu verzögern oder zu verhindern, um bestehende wirtschaftliche oder politische Strukturen und die damit verbundenen Eigeninteressen zu schützen.

Interessenvertretungen verknüpften den Begriff „Technologieoffenheit“ meist mit positiven Begriffen wie „ideologiefrei“ und „unbürokratisch“. Gleichzeitig verbreiten sie Angst-Erzählungen wie „Verbotspolitik bedroht unsere Freiheit“ oder „…ohne Technologieoffenheit verlieren wir Wettbewerbsfähigkeit“.

Heizungsgesetz der Ampel als Fallbeispiel

Sehr gut lässt sich die Auswirkung des Framing-Begriffes „Technologieoffenheit“ am so genannten Heizungsgesetz betrachten. Die damalige Opposition aus CDU und CSU, unterstützt vom technologieoffenen Ampel-Koalitionspartner FDP nagelte den Begriff so lange in den noch offenen Sarg der Ampel-Koalition, bis diese zerbrach.

Das damit auch die FDP zumindest bis heute zerbrach, darf man wohl als Kollateralschaden der Framing-Geschichte betrachten.

Die Strategie wirkte sehr effektiv. Es kam rasch nach Beginn der neuen CDU/CSU/SPD-Koalition zu einem Ende des alten Ampel-Heizungsgesetzes, dass auch immer mit der Person das damaligen Grünen Wirtschaftsministers Robert Habeck verknüpft wurde. Seine Nachfolgerin Katharina Reiche von der CDU ersetzte es durch ein komplett „technologieoffenes“ Gesetz, dass in der Heizungsbranche auch als „Revival der Gas- und Ölbrenner“ bezeichnet wird.

Verbrenner-Aus als weiteres Beispiel

Die Europäische Union weichte auf Betreiben von Deutschland und Österreich das bereits beschlossene Verbrenner-Aus wieder auf. Hintergrund war ebenfalls der Begriff der „Technologieoffenheit“, den der CSU-Politiker Manfred Weber zusammen mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder so oft wiederholte, bis die deutsche Bundesregierung das Verbrenner-Aus in der EU durchsetzen konnte.

Laut der Kontext-Analyse taucht der Begriff „Technologieoffenheit“ im deutschsprachigen Raum vereinzelt in den 1990er-Jahren auf. Im Jahr 2007 erschien er zum ersten Mal im klimapolitischen Zusammenhang.

In Deutschland wurde der Begriff zunächst in der Mobilitätsdebatte verwendet, als der Ölkonzern BP die Grenzen von Biosprit thematisierte

heißt es in der Diskursanalyse.

Richtig populär machte die fossile Lobby das Wort in der Klimapolitik im vergangenen Jahrzehnt.

Die genannten Beispiele zeigen, was Framing, gestützt von Lobby-Verbänden wert sein kann und wie es von den tatsächlichen Problemen und ihren Ursachen ablenkt. Technologieoffen eben.

Artikelreferenz

Kontext-Diskurspapier Technologieoffenheit. Strategie der Verschleppung: Was die Ökologisierung bremst und wie wir den Diskurs zurückgewinnen.