Niedrigwasser am Rhein: „Der Fluss ist zweigeteilt!" – doch dieser Satz führt Sie in die Irre

Historisch niedrige Pegel, dramatische Warnungen, ein zweigeteilter Rhein: Die Schlagzeilen überschlagen sich. Doch was steckt hinter dem Aufreger bei Kaub – und wo wird maßlos übertrieben? Die Fakten.

Es sind Schlagzeilen, die Angst machen: Der Rhein sei „zweigeteilt", die Schifffahrt stehe still, an der berüchtigten Engstelle bei Kaub purzeln reihenweise die Rekorde. Und tatsächlich – so niedrig wie in diesen Tagen war der Wasserstand dort seit Beginn der Messungen kaum jemals.

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Doch bei aller berechtigten Sorge lohnt sich ein zweiter Blick. Denn hinter der dramatischen Wortwahl verbergen sich gleich zwei Missverständnisse, die immer wieder durch die Berichterstattung geistern – und die ich hier für Sie geradeziehe.

Historisch niedrig – und viel zu früh im Jahr

Fangen wir mit dem an, was wirklich stimmt. Der Pegel bei Kaub, jener flachen Stelle zwischen Koblenz und Mainz, ist auf Werte gefallen, die man sonst höchstens im tiefsten Herbst kennt. Anfang August aber ist das absolut ungewöhnlich.

Die Regensummen bis Samstag sind weiterhin verschwindend gering. Vielfach bleibt es sogar komplett trocken.
Die Regensummen bis Samstag sind weiterhin verschwindend gering. Vielfach bleibt es sogar komplett trocken.

In den großen Trockenjahren der Vergangenheit kamen die Tiefststände stets erst im September oder Oktober. Dass wir sie jetzt schon mitten im Hochsommer sehen, ist das eigentlich Alarmierende – ein Ergebnis aus wochenlanger Trockenheit und einer festgefahrenen Wetterlage, die dem Fluss schlicht den Nachschub verweigert.

„Zweiteilung"? Der Rhein fließt weiter – versprochen

Jetzt zum großen Aufreger: der angeblichen Zweiteilung des Rheins. Das klingt, als würde unser wichtigster Fluss in zwei Teile zerfallen, irgendwo austrocknen und einfach aufhören. Genau das passiert nicht.

Gemeint ist etwas viel Nüchterneres: Die durchgehende Güterschifffahrt kommt an der Engstelle Kaub an ihre Grenzen. Im Norden läuft der Verkehr zwischen den großen Nordseehäfen und dem Ruhrgebiet weiter, im Süden über Nebenflüsse wie Neckar, Main und Mosel. Nur der Durchgang in der Mitte stockt. Der Rhein selbst führt weiter Wasser – Tag für Tag, Kilometer für Kilometer.

Der Denkfehler mit den Zentimetern

Und damit zum hartnäckigsten Irrtum überhaupt. Wenn Sie lesen, der Pegel liege bei „nur noch 16 Zentimetern", denken viele automatisch: Da ist ja fast gar kein Wasser mehr drin. Falsch.

Ein Pegelstand ist kein Maß für die Wassertiefe. Er wird von einem willkürlich festgelegten Nullpunkt aus gezählt – die tatsächliche Fahrrinne liegt deutlich tiefer und führt auch bei einstelligen Pegelwerten noch reichlich Wasser. Wer sich einen trockengefallenen Bachlauf vorstellt, liegt komplett daneben. Der Strom ist schmaler und flacher als sonst, aber von „leer" ist er meilenweit entfernt.

Was das für die Schiffe wirklich bedeutet

Trotzdem ist die Lage für die Binnenschifffahrt bitter. Je flacher das Wasser, desto weniger dürfen die Frachter laden – teils fahren sie mit einem Bruchteil ihrer normalen Ladung, damit sie nicht aufsetzen.

Das treibt die Transportkosten in die Höhe und trifft besonders die Industrie am Fluss, die auf Kohle, Erze, Getreide und Chemikalien angewiesen ist. Spezielle Leichtwasser-Schiffe fahren zwar noch, aber eben teuer und mit halber Kraft. „Kein Transport mehr" gilt also für den Normalbetrieb – nicht für jeden einzelnen Kahn.

Kommt jetzt die Rettung von oben?

Bleibt die entscheidende Frage: Wie geht es weiter? Die ehrliche Antwort lautet – vorerst leider nicht besser. Solange die große Wetterlage hängt und Regen in nennenswerter Menge ausbleibt, sinken die Pegel weiter oder verharren auf ihrem niedrigen Niveau.

Erst kräftige, flächendeckende Niederschläge im Einzugsgebiet würden den Rhein spürbar auffüllen – und danach sieht es kurzfristig nicht aus. Mein Rat: Lassen Sie sich von Dramawörtern wie „zweigeteilt" nicht verrückt machen. Ernst ist die Lage trotzdem – nur eben aus den richtigen Gründen.