Wenn Sie vom Geiltrieb lesen, blättern Sie nicht im Schmuddelheft, sondern im echten Gartenjournal
Wenn Sie vom Geiltrieb lesen, heißt das nicht, dass Sie in einem Schmuddelheft stöbern – mit hoher Wahrscheinlichkeit halten Sie ein ernstzunehmendes Gartenjournal in der Hand.

Ende Februar beginnt für viele Hobbygärtner die eigentliche Saison. Sobald die Temperaturen milder werden, stehen Rückschnitt, Aussaat und Bodenpflege auf dem Programm.
Mit den praktischen Arbeiten taucht auch eine Sprache auf, die in Ratgebern allgegenwärtig ist: Fachbegriffe wie „Geiltrieb“, „Abhärten“ oder „Stratifizieren“. Sie gehören zum gärtnerischen Alltag – bleiben aber oft unübersetzt.
Ausgeizen – Disziplin im Tomatenhaus
„Regelmäßig ausgeizen“ lautet eine der häufigsten Anweisungen im Sommer. Gemeint ist das Entfernen von Seitentrieben in den Blattachseln der Tomate. Diese sogenannten Geiztriebe wachsen kräftig, tragen aber oft weniger Früchte. Wer sie stehen lässt, bekommt viel Grün – und weniger Ertrag.
Geiltrieb – Wachstum am Limit
Der „Geiltrieb“ entsteht meist nach starkem Rückschnitt oder bei üppiger Düngung: lang, weich, instabil. Die Pflanze streckt sich übermäßig und produziert Energie für Triebe, die kaum Früchte tragen. Wer diesen Begriff kennt, erkennt die Problematik sofort; ohne Erklärung bleibt er rätselhaft.
Vergeilen & Etiolation – wenn Licht fehlt
„Vergeilen“ beschreibt das Strecken der Pflanze bei Lichtmangel. Botanisch spricht man von Etiolation. Die Triebe werden lang und dünn, die Blätter blass. Das passiert besonders in Fensternähe, wenn die Sonne noch tief steht. Die Pflanze reagiert instinktiv, um ans Licht zu kommen, verliert aber Stabilität und Form.
Pikieren – Sämlinge vorsichtig vereinzeln
Sämlinge werden „pikiert“, sobald sie kräftig genug sind. Das heißt: vorsichtig herausnehmen und mit Abstand neu einsetzen, damit sie sich optimal entwickeln. Das Wort stammt vom französischen „piquer“ – stechen. Ohne Erklärung klingt es kompliziert, ist aber eine der grundlegendsten Anzuchttechniken.
Stratifizieren – Winter im Kühlschrank
Viele Gehölzsamen keimen nur nach einer Kältephase. „Stratifizieren“ bedeutet, sie feucht und kühl zu lagern, um den Winter zu simulieren.
Ohne diese Behandlung bleibt der Samen im Ruhezustand. Für Hobbygärtner ist dies oft die erste Begegnung mit einem Wort, das nach Labor klingt, in der Praxis aber einfache Naturmechanik beschreibt.
Adventivwurzeln – improvisierte Wurzeln
Adventivwurzeln entstehen nicht am eigentlichen Wurzelstock, sondern am Spross. Tomaten können dies besonders gut: Wird ein Stängel mit Erde bedeckt, bildet er zusätzliche Wurzeln. Für die Vermehrung entscheidend, aber selten direkt erklärt.
Chlorotisch – gelb aus Mangel
Wenn Blätter „chlorotisch“ sind, fehlt ihnen Chlorophyll. Sie erscheinen gelblich, die Blattadern bleiben oft grün. Ursachen können Eisenmangel, falscher pH-Wert oder Nährstoffdefizite sein. Für Profis ein präziser Begriff, für Laien oft nur ein Fremdwort.
Determiniert oder indeterminiert – das Wachstum verstehen
Tomatensorten werden als determiniert oder indeterminiert beschrieben. Determinierte Sorten wachsen bis zu einer bestimmten Höhe, danach stoppt das Längenwachstum. Indeterminierte wachsen weiter und bilden fortlaufend Blüten. Für den Ertrag entscheidend – das Wort wirkt aber bürokratisch.
Auslichten und Pinzieren – die feine Klinge
„Auslichten“ bedeutet, einzelne Triebe gezielt zu entfernen, damit Licht und Luft ins Innere der Pflanze gelangen. „Pinzieren“ ist das Abkneifen der Triebspitze, um buschigen Wuchs zu fördern. Kleine Handgriffe, große Wirkung – Begriffe, die im Alltag selbstverständlich klingen, bei Anfängern jedoch Rätsel aufgeben.
Abhärten – Training für draußen
Jungpflanzen müssen „abgehärtet“ werden, bevor sie ins Freie dürfen. Sie gewöhnen sich schrittweise an Sonne, Wind und Temperaturschwankungen. Wer diesen Prozess vernachlässigt, riskiert Sonnenbrand oder Wachstumsstopp.
Tiefwurzler, Flachwurzler und Selbstunverträglichkeit
Manche Pflanzen wurzeln tief, andere oberflächlich. Diese Unterschiede entscheiden, wie gut sie Trockenperioden überstehen oder wie sie mit Nachbarn konkurrieren.
Einige Arten gelten als „selbstunverträglich“: Sie sollten nicht mehrere Jahre am selben Standort wachsen, um Krankheitsdruck zu vermeiden.

Remontierend – das zweite Blühen
Rosen werden als „remontierend“ beschrieben, wenn sie mehrmals im Jahr blühen. Das Wort stammt aus dem Französischen und bedeutet „wieder aufsteigen“. Für Hobbygärtner ohne botanischen Hintergrund ein erklärungsbedürftiger Begriff.
Warum der Jargon bleibt
Gartenbau ist ein Handwerk mit wissenschaftlichem Fundament. Fachbegriffe ermöglichen präzise Kommunikation, schaffen aber auch Distanz. Wer sie erklärt, erleichtert den Einstieg, schafft Vertrauen und macht den Garten für mehr Menschen zugänglich.
Ende Februar, wenn die Sonne milder wird und die Gartensaison beginnt, lohnt sich ein Blick ins Wörterbuch. Denn Pflanzen wachsen auch ohne Fremdwörter – Leserinnen und Leser bleiben eher, wenn sie verstehen, was sie tun.