Wo der Bach rauscht und der Frühling hell erblüht: Ein Stück Worpswede im Sauerland
Am Südhang des Ettelsbergs baute Jugendstil-Künstler Heinrich Vogeler
für einen Freund ein Haus, das bis heute ein Refugium im Strycktal ist. Mit dem Ende der Skisaison verwandelt sich die Gegend in ein Wanderparadies.

„Dieser Wald, in dem wir wohnen, und der immerwährend rauschende klare Bach, der mich in den Schlaf singt“, schwärmte Heinrich Vogeler (1872-1942), Maler, Grafiker, Designer, Architekt und einziger Jugendstil-Künstler in Worpswede, 1922 in einem Brief von der Landschaft des Hochsauerlands. Hier hatte er seinem Freund, dem Arzt Emil Löhnberg aus Hamm, zehn Jahre zuvor ein Sommerhaus gebaut.
Und er freute sich weiter: „Dann dieses Heimatgefühl: ein Haus, wie ich es hin baute, das sich in die Landschaft legt, als sei es seit Jahrhunderten auf diesem Boden, an dieser Stelle gewachsen.“
Die Jugendstil-Villa wurde zum Hotel
Noch immer rauscht der Bach durchs Strycktal, auch das Haus hat überdauert, und heute kann es sich jeder zum Heim machen. Denn schon Löhnebergs Witwe Selma funktionierte das herrschaftliche Gebäude nach dem Tod ihres Mannes zum Hotel um.
Die für die Zeit besonders moderne Einrichtung und die ästhetische Handschrift Vogelers bescherten dem Objekt sofort großen Erfolg:
„Das Haus wurde aus Bruchstein errichtet, schieferbedacht, hatte mit Wohnküche, großem Gemeinschaftsraum, schönen Schlafzimmern mit Morgensonne, mit Bad, Balkon für Luftbäder, Zentralheizung und eigener Wasserleitung von dem Bach her alle Bequemlichkeiten einer modernen Stadtwohnung... Im Innern war alles in frohen Farben gestrichen, und einige schöne Bilder von Paula Modersohn, wie das Mädchen mit der Wollblumenvase und die alte Frau auf dem scharfgrünen Hintergrund mit den gekreuzten Händen auf der Brust, geben dem Ganzen ein lebendiges Leben und künstlerischen Reichtum.“
Vogeler floh vor den Nazis nach Russland
Das gefiel auch zahlenden Gästen. Selma Löhneberg, eigentlich Pianistin, führte das Hotel, bis die Nazis sie so terrorisierten, dass sie das Haus 1935 verkaufte und erst nach Belgien, später nach England floh.
Das war vier Jahre nach dem letzten Besuch von Vogeler, der in die Sowjetunion emigrierte und die schwelgerische Ästhetik des Jugendstils gegen den sperrigeren Reiz des sowjetischen Realismus tauschte. Doch das war bald das kleinste Problem. Nach dem Überfall Hitlers auf Russland wurde er nach Kasachstan deportiert, wo er 1942 an Unterernährung starb.
Künstler-Kolonie im Wald
Noch immer ist das Haus im Strycktal ein Hotel. Bilder, Skizzen und Möbel sind erhalten; ebenso Vogelers Baupläne. Vogelers Freund Löhnberg war nicht nur Arzt, sondern auch Mäzen und Kunstfreund, und so entwickelte sich mitten in den Wäldern des Sauerlands eine kleine Künstler-Kolonie. Am ursprünglichen, heute nicht mehr benutzten Eingang die Inschrift „Im Juli 1912 hat Heinrich Vogeler – Worpswede – dies Haus gebaut“ zu lesen.
An einem Frühlingsmorgen zwitschern die Vögel hier so laut, dass man lange vorm Wecker wach wird. Wenn die Wintersport-Saison endet – in diesem Jahr am 8. März –, gehört die Landschaft Wanderern und Natur-Fans.