Reisen mit Aus- und Einsichten: Deshalb ist Zugfahren in Indien ein besonderes Erlebnis
Wer in dem riesigen Land die Eisenbahn nutzt, sieht den Alltag auf dem Subkontinent wie in einem Film vorüberziehen. Ein Schienennetz von über 67.000 Kilometern eröffnet nahezu unendliche Möglichkeiten.

Kurz nach dem Morgengrauen setzt sich der Zug von Kalka nach Delhi in Bewegung. Vor dem Bahnhof liegen Wartende in tiefem Schlaf. Andere steigen über sie und betreten das Gebäude. In einem Land vom Bevölkerungsreichtum Indiens ist die Kunst des Ausblendens Lebensprinzip: Hitze, Menschenmengen, Müll, offene Urinale – jeder übersieht, was er kann.
Mehr als 20 Millionen Passagiere am Tag
Vor den tropischen Temperaturen des frühen Morgens und der ersten Ahnung des Geruchs, der die Reisenden bei der Ankunft in Delhi überwältigen wird, schützt im Bahnhof ein nüchterner Warteraum. Dort sacken Sessel und Sofas jedes Jahr einen Zentimeter tiefer, während Ventilatoren unter der Decke rauschen und Fliegen träge Schleifen ziehen.
Mit rund 1,2 Millionen Beschäftigten gehören die Indian Railways zu den größten Arbeitgebern der Erde. Die staatliche indische Eisenbahngesellschaft transportiert täglich mehr als 20 Millionen Menschen auf einem Schienennetz von über 67.000 Kilometern; ohne sie käme auf dem Subkontinent vieles zum Stillstand.
Eine Bahnstrecke ist sogar UNESCO-Welterbe
Es gibt mehr als 7000 Bahnhöfe im Land, von großen High-Tech-Stationen bis zu entlegenen Haltepunkten. Einige Strecken führen durch außergewöhnliche Landschaften - Wüste, Gebirge und Dschungel. Die Schmalspurbahn der Darjeeling Himalayan Railway wurde von der UNESCO sogar zum Weltkulturerbe erklärt. Seit 1881 verbindet sie Siliguri mit Darjeeling.
Und so gehört mindestens eine kurze Bahnfahrt zum Erleben der örtlichen Alltagskultur. Denn Indien ohne Zugfahren ist fast wie Indien ohne Taj Mahal.
Das Kastensystem ersetzt auf Schienen ein Klassensystem. In der ersten Klasse sitzen Berufstätige über Laptops, andere Passagiere reisen auf dem Dach - das ist zwar gefährlich und deshalb verboten, aber gängige Praxis.
Eselsherden ziehen durch Bahnhöfe
Vor den Fensterscheiben, die von Geräuschen und Gerüchen der Außenwelt trennen, entfaltet sich der Zauber Indiens. Ganz langsam, denn der Zugführer hat keine spürbare Eile. Es ist ein wenig wie im Kino. Smaragdgrüne Reisfelder ziehen vorbei, winzige Dörfer, dösende Kühe, Grüppchen von Kindern auf dem Weg zur Schule. Eselherden werden durch Bahnhöfe getrieben, vor denen Fahrrad-Rikshas warten.
Doch auch im Abteil gibt es so viel Ablenkung, dass die Reisenden kaum dazu kommen, unter den rauschenden Ventilatoren einzudösen. Denn Reisen in der ersten Klasse bedeutet einen endlosen Strom an Zuwendung: Zeitungen, Wasser, Tee, Cornflakes mit heißer Milch, ein Sandwich, ein Curry prasseln auf die Passagiere hinab, alles vielfach verpackt und dargeboten von Personal in bordeauxroten Uniformen.
Der ganz normale Wahnsinn der Megacity
Schließlich ist Delhi erreicht. Langsam rollt der Zug durch endlose Außenbezirke. Auf den Gleisen sammeln Menschen verwertbare Abfälle, andere arbeiten an benachbarten Schienen. Dann schwingen die Türen auf, brütende Hitze kriecht ins Abteil, Menschen schieben einander aus dem Zug. Träger kämpfen um Koffer. Es sieht aus, als würde der Bahnhof evakuiert. Doch es ist nur der ganz normale Tumult der Megacity.
Verpassen Sie nicht die neuesten Nachrichten von Meteored und genießen Sie alle unsere Inhalte auf Google Discover völlig KOSTENLOS
+ Folgen Sie Meteored