Ein friedlicher Eichenhain wurde zum Konfliktherd - und dann zur lebensfrohen Stadt

Einst war Derry ein Synonym für die Troubles in Nordirland. Heute fasziniert die Stadt durch ihre Geschichte und ihre Vitalität. Zudem besitzt sie die einzige vollständig erhaltene Stadtmauer in Europa.

Seit 2011 führt die Peace Bridge über den Foyle und verbindet die beiden Communitys. Foto: F. Scatena / Adobe Stock
Seit 2011 führt die Peace Bridge über den Foyle und verbindet die beiden Communitys. Foto: F. Scatena / Adobe Stock

Die malerisch am Fluss Foyle gelegene 100.000-Einwohner-Stadt Derry hat eine Menge erlebt. Während der Troubles in Nordirland war sie Synonym für Unruhe und Gewalt. Denn sie war Schauplatz des „Bloody Sunday", bei dem britische Fallschirmjäger am 30. Januar 1972 innerhalb von zwanzig Minuten 108 Schüsse abgaben und dabei 14 irisch-katholische Bürgerrechts-Demonstranten erschossen, die alle unbewaffnet waren. Es war der Beginn der schwersten Phase der Troubles in Nordirland.

Vertrauen in eine friedliche Zukunft

Noch vor ihrem Ende hatte Martin McCrossan die Vision einer besseren Zukunft, in der Besucher aus aller Welt nach Nordirland reisen würden. „Die Leute hielten meinen Vater für verrückt! Niemand konnte sich vorstellen, dass einmal Touristen nach Derry kommen würden", erzählt seine Tochter Charlene. Martin gründete Anfang der neunziger Jahre trotzdem ein Sightseeing-Unternehmen. „Er hatte immer Vertrauen in Derrys Zukunft." Er sollte recht behalten.

Im neuen Jahrtausend wurde aus seinem Hobby geführter Touren für Touristen ein Vollzeitjob. Als er 2015 unerwartet verstarb, führte Tochter Charlene das Unternehmen weiter. Mit 28 Jahren wurde sie 2017 jüngster „Blue Badge Guide" - der Goldstandard für Fremdenführer - im Königreich.

Heute gehört ein Dutzend Guides zu ihrem Team. Sie zeigen Besuchern das Wandbild der „Derry Girls", den Protagonistinnen der Netflix-Sitcom über den Alltag einer Gruppe Teenager, und erzählen aus Derrys Geschichte.

Drei bedeutende Friedenspreise für Derry

Derry besitzt reges Nachtleben, ein Jazz Festival, Irlands ersten Zebrastreifen in Regenbogenfarben und drei wichtige Friedenspreise. John Hume (1937-2020), Bürgerrechtler, Politiker und ein Sohn Derrys, hinterließ seinen Friedensnobelpreis, seinen Gandhi-Friedenspreis und den Four Freedoms Award der Stadt. Zu sehen sind sie in einer Ausstellung im Rathaus.

Hume wurde in eine von Ungleichheit geprägte Gesellschaft geboren. Er suchte ausschließlich mit politischen Mitteln nach einer Lösung für den Konflikt, der mit der Besiedelung Irlands durch England im 16. Jahrhundert seinen Ausgang genommen hatte.

Europas einzige vollständig erhaltene Stadtmauer

Seit 2011 ist die Peace Bridge Symbol des Erfolgs. Die Fußgängerbrücke über den Foyle verbindet die protestantische Community im Zentrum mit der katholischen außerhalb.

Die 1,6 Kilometer lange historische Stadtmauer rahmt Derrys Altstadt. Foto: Adobe Stock
Die 1,6 Kilometer lange historische Stadtmauer rahmt Derrys Altstadt. Foto: Adobe Stock

Hauptsehenswürdigkeit ist indes die von 1613 bis 1618 erbaute, 1,6 Kilometer lange und bis zu neun Meter hohe Stadtmauer - die einzige völlig intakt erhaltene in Europa. Sie sollte die Neuankömmlinge aus England und Schottland vor irischen Ureinwohnern schützen. Bis in die Gegenwart trennt sie katholische Bewohner der „Bogside" von protestantischen.

Ihren Namen bezieht die Stadt vom irischen Wort „doire" für Eichenhain, das die Siedler im 16. Jahrhundert zur Derry anglisierten und zum Dank für die Finanzierung des Mauerbaus durch die englische Hauptstadt zu „Londonderry" erweiterten. Heute sind die meisten Eichen verschwunden, und die Stadt trägt offiziell den Doppelnamen Derry/Londonderry.

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