Dieses Dorf ist nicht nur eines der schönsten Italiens, es ist auch eine große Freiluft-Galerie
In den sechziger Jahren drohte der kleine Ort in der Emilia Romagna der Landflucht zum Opfer zu fallen. Heute ist er weltberühmt – dank eines weitsichtigen Bürgermeisters und der Kunst.

Schon die Lage auf einem Felskamm ist eindrucksvoll. Hinter einem mächtigen Stadttor windet sich eine kopfsteingepflasterte Gasse bergan. Die Häuser sind schmal, aus den Blumenkästen vor ihren Fenstern wuchern sommerliche Blütenfluten.
Es gibt eine Pfarrkirche, eine Post, eine Grundschule, ein paar Geschäfte und sogar eine Burg. Kein Zweifel: Dozza ist ein besonders malerischer Ort – und deshalb auch Mitglied in der Vereinigung der „schönsten Dörfer Italiens“.
Verschwenderische Farbenfülle
Ungewöhnlich sind jedoch die Fassaden seiner Häuser. Haushohe Gemälde, in die Fenster und andere Bauelemente einbezogen sind, aber auch kleinere Bilder unterschiedlichster Stilrichtungen bilden eine verschwenderische Fülle von Farben und Eindrücken – und die womöglich ungewöhnlichste Galerie Italiens.
Einige der Kunstwerke heben die Schönheit der Umgebung hervor, andere setzen sich mit ihr auseinander. Eine italienische Flagge über einer Ruine bedeckt den Sitz der örtlichen Carabinieri; womöglich ein Symbol für die Zerrissenheit des Landes zwischen Nord und Süd.
Auf einer Wand ist das Fenster einer Burg gleich neben einem realen Fenster zu sehen, auf einer anderen eine abstrakte Sinfonie aus Farben und Formen, die nächste zeigt eine Collage aus unterschiedlichen Objekten von Umberto Zanetti aus Bologna.
Mit Kunst gegen Landflucht
Hintergrund des ungewöhnlichen Stadtbilds ist die Idee eines Bürgermeisters und Gemeinderats im Jahr 1960. Auch um das Abwandern vor allem der jungen Bevölkerung in die Städte der Region zu stoppen, ersann man die Idee eines Wettbewerbs für Künstler, um verlassene Häuser und somit den Ort aufzuwerten.
Daraus wurde die Biennale del Muro Dipinto, bei der italienische und internationale Künstlerinnen und Künstler alle zwei Jahre einer Fach-Jury ihre Entwürfe vorlegen können. Die Siegerentwürfe werden Teil des Dorfs, der Künstler darf sein Gemälde auf der Fassade seiner Wahl realisieren. Allerdings muss der Besitzer des Hauses zustimmen.
Die Arbeiten bleiben auf Dauer an den Hauswänden Dozzas; mittlerweile sind die ältesten Wandbilder aus den sechziger Jahren bereits restauriert worden. Das mittelalterliche Dorf ist längst nicht mehr vom Aussterben bedroht. Weil es noch immer leere Wände gibt, besteht die Biennale fort; weiterhin sind Künstler alle zwei Jahre aufgerufen, ihre Entwürfe einzureichen.
Drachen im Burggraben
Dozza ist nicht nur als Dorf mit der womöglich höchsten Kunstdichte pro Quadratmeter außergewöhnlich. Es ist auch Sitz der italienischen Tolkien-Gesellschaft; diese Fassade ziert eine Platte mit dem Bild des Pfeife rauchenden Autors und seinem vollen Name John Ronald Reuel Tolkien.
In Anlehnung an seine Werke wird der Burggraben derzeit von Drachen-Skulpturen bevölkert. Wer sich bis hierher hervorgearbeitet hat, vermag sich über diese Burgwächter kaum noch zu wundern. Denn das in grüner Hügellandschaft gelegene Dozza ist ein Synonym für Fantasie wie für Fantasy.
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