Merkur wird immer kleiner: Neue Daten deuten auf Veränderungen seines Inneren hin
Merkur ist kleiner geworden – und zwar kleiner als bisher angenommen. Bis zu 23 Kilometer könnte der sonnennächste Planet seit seiner Entstehung an Durchmesser verloren haben. Wie neueste Analysen zeigen, könnten Meteoriten ältere Spuren der planetaren Schrumpfung verwischt haben.

Eine neue Auswertung von Merkurs Oberflächendaten legt nahe, dass der Planet seit seiner Entstehung einen Durchmesser von bis zu 23 Kilometern eingebüßt hat. Frühere Berechnungen kamen auf höchstens 14 Kilometer.
Das Ergebnis stammt von Forschenden aus Japan und Deutschland und wurde in den Geophysical Research Letters veröffentlicht. Entscheidend ist eine Besonderheit der Merkuroberfläche: Sie ist von sogenannten Verkürzungsstrukturen durchzogen – Falten, Rücken und steilen Bruchstufen, die entstehen, wenn die Kruste unter Druck gerät.
Der sonnennächste Planet entstand vor rund 4,5 Milliarden Jahren aus Material der jungen Sonnenscheibe. Die frühen Kollisionen erhitzten ihn stark. Beim anschließenden Auskühlen zog sich sein Inneres zusammen. Die feste Kruste musste dieser Volumenabnahme folgen und wurde dabei gestaucht. So entstanden die heute sichtbaren tektonischen Strukturen.
Alte Spuren vielerorts verschwunden
Bisher hatten Wissenschaftler die Schrumpfung anhand dieser Strukturen geschätzt. Das Verfahren hatte allerdings eine Schwachstelle: Die Brüche sind auf Merkur keineswegs gleichmäßig verteilt. Manche Gebiete weisen zahlreiche markante Formen auf, andere erscheinen nahezu frei davon – obwohl eine globale Abkühlung eigentlich eine viel gleichmäßigere Verteilung erwarten ließe.

Das Team um Gaku Nishiyama vom Institut für Weltraumforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) vermutet den Grund in späteren Einschlägen. Asteroiden und Meteoriten schleuderten Material über die Oberfläche, veränderten das Gelände und können ältere Verwerfungen überdeckt haben. Besonders unruhige, geologisch jüngere Regionen enthalten deshalb offenbar weniger erkennbare Spuren der früheren Kontraktion.
Für die neue Analyse verglichen die Forschenden globale Karten der Oberflächenrauigkeit mit Katalogen tektonischer Strukturen. Dabei zeigte sich: Je rauer eine Region ist, desto seltener werden Verkürzungsstrukturen erkannt. Die bisherige Bestandsaufnahme unterschätzt die tatsächliche Zahl solcher Formen damit systematisch. Nach Angaben der Studie könnte die radiale Schrumpfung dadurch um bis zu 30 Prozent größer sein als bisher gedacht.
Was im Planeteninneren vor sich geht
Die neue Zahl bedeutet nicht nur, dass der Planet kleiner wird. Wie stark Merkur schrumpft, weist ebenso auf seine innere Zusammensetzung und thermische Entwicklung hin. „Ein stärkeres Schrumpfen deutet auf einen größeren Kern aus Metall hin“, erklärt Nishiyama. „Weitere Möglichkeiten wären ein geringerer Anteil an leichten Elementen im Metallkern oder eine höhere Temperatur bei seiner Entstehung.“

Und selbst die neue Schätzung könnte noch zu niedrig liegen. Denn die ausgewerteten Daten machen vor allem größere, zusammenhängende Verwerfungen sichtbar. Kleinere Strukturen könnten unentdeckt geblieben sein und die tatsächliche Kontraktion rechnerisch weiter erhöhen.
Neue Beobachtungen sollen die Unsicherheit verringern. Die europäisch-japanische Mission BepiColombo soll am 21. November in eine Umlaufbahn um Merkur einschwenken und den Planeten genau kartieren. Die Instrumente sollen Oberflächenstrukturen noch detaillierter erfassen als frühere Aufnahmen.
Damit bietet die Mission eine Gelegenheit, die Schrumpfung neu zu vermessen. Zugleich könnte die Studienmethode auch über Merkur hinaus auf anderen Gesteinswelten angewendet werden, etwa beim Mond, wo geologisch junge und raue Oberflächen ältere tektonische Spuren verdecken könnten.
Die Falten des Merkur werden zu einem Hinweis darauf, dass die Geschichte eines Planeten nicht nur davon abhängt, was auf seiner Oberfläche sichtbar ist – sondern auch davon, was längst überdeckt wurde.
Artikelreferenz
Nishiyama, G., Broquet, A., Tosi, N., Preusker, F., Stark, A., Hussmann, H., & Hauber, E. (2026). Underestimation of planetary contraction due to obscuration by surface roughness: The case of Mercury. Geophysical Research Letters.