Weißstörche erleben historische Erholung: Deutschland zählt so viele Brutpaare wie nie zuvor

Der Weißstorch ist zurück: In Deutschland brüten so viele Paare wie seit Beginn der Erfassungen nicht mehr. Doch der Erfolg hat Gründe – und verändert das Verbreitungsbild der Art.

Die Weißstorch-Bestände haben sich im Gegensatz zum desolaten Erhaltungszustand des letzten Jahrhunderts wieder erholt. Bild: Dorothea Bellmer/NABU
Die Weißstorch-Bestände haben sich im Gegensatz zum desolaten Erhaltungszustand des letzten Jahrhunderts wieder erholt. Bild: Dorothea Bellmer/NABU

Der Weißstorch war lange Zeit Inbegriff für die bedrohte Natur: In den 1980er-Jahren waren die Bestände in Ost- und Westdeutschland auf weniger als 3000 Brutpaare gesunken. Heute erwartet der NABU für die aktuelle Saison bundesweit mehr als 15.000 Brutpaare.

In Europa wird der Bestand auf etwa 180.000 bis 220.000 Brutpaare geschätzt. Weltweit gibt es dem Dachverband Deutscher Avifaunisten e. V. zufolge ungefähr 230.000 Brutpaare.

„Selbst vor 100 Jahren gab es nicht so viele Störche“, erklärt Bernd Petri von der NABU-Bundesarbeitsgruppe Weißstorch. „Im Gegensatz zu vielen anderen Arten haben wir beim Storch jetzt einen guten Erhaltungszustand.“ Der Aufschwung sei vor allem durch Naturschutzmaßnahmen wie wiedervernässte Flächen und eine storchengerechte Grünlandbewirtschaftung möglich geworden.

Kürzere Zugwege von Vorteil

Entscheidend für die Erholung des Bestands ist jedoch auch, dass sich die Vögel gut anpassen können. So gebe es beispielsweise die allgemeine Vorstellung davon, dass alle unsere Weißstörche im Herbst nach Afrika flögen. „Nur stimmt das nicht mehr“, wendet Petri ein.

Viele Störche fliegen inzwischen nicht mehr die lange Westroute über die Straße von Gibraltar nach Afrika, sondern bleiben in Spanien, wo sie genug Nahrung, unter anderem auf Mülldeponien, finden. Bild: Olaf Titko/NABU
Viele Störche fliegen inzwischen nicht mehr die lange Westroute über die Straße von Gibraltar nach Afrika, sondern bleiben in Spanien, wo sie genug Nahrung, unter anderem auf Mülldeponien, finden. Bild: Olaf Titko/NABU

Durch Deutschland verlaufe eine sogenannte Zugscheide: Während östlich davon die Störche weiterhin über Balkan und Nahen Osten nach Afrika ziehen, bleiben viele westlich dieser Linie inzwischen in Spanien.

Dort finden sie auf Reisfeldern und Mülldeponien ausreichend Nahrung und sparen sich den langen Weiterflug über die Straße von Gibraltar. Der kürzere Weg erhöht ihre Überlebenschancen. Die Vögel kehren früher und kräftiger zu den Brutplätzen zurück.

„Vor 30 Jahren waren drei Viertel unserer Störche Ostzieher, heute ist das Verhältnis umgekehrt: Drei Viertel ziehen nach Westen. Der Schwerpunkt der Storchenvorkommen hat sich grob gesagt von der Elbe an den Rhein verlagert“, so Petri.

Abflug in den Süden beginnt im August

Der Weißstorch brütet inzwischen wieder in allen 16 Bundesländern. Während früher vor allem Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg als Storchenregionen bekannt waren, liegen die größten Bestände heute in Niedersachsen und Baden-Württemberg. Die höchste Dichte erreicht Hessen.

Wegen der anstrengenden Brut müssen die Altstörche erst wieder zu Kräften kommen, bevor sie in den Süden ziehen. Bild: Dorothea Bellmer/NABU
Wegen der anstrengenden Brut müssen die Altstörche erst wieder zu Kräften kommen, bevor sie in den Süden ziehen. Bild: Dorothea Bellmer/NABU

Der Nachwuchs steht derweil vor seiner ersten großen Bewährungsprobe. Jungstörche verlassen nun zunehmend ihre Horste, müssen aber noch das sichere Landen und die Nahrungssuche trainieren.

„Das Leben außerhalb des elterlichen Horstes ist voller Gefahren“, erläutert Petri. „Wenn von den Jungstörchen, die jetzt das Nest verlassen, im nächsten Frühjahr jeder Vierte heil aus dem Süden zurückkommt, ist das schon viel.“

Vor der Reise sammeln sich die Störche auf Wiesen und abgeernteten Feldern zu größeren Gruppen. Dort bereiten sie sich auf den Zug vor, der in den ersten Augusttagen zunächst für die Jungvögel beginnt.

Die Altstörche folgen später nach. Durch die anstrengende Aufzucht ihrer Jungen müssen sie erst wieder Kräfte sammeln. Viele von ihnen wiegen zunächst sogar weniger als ihr Nachwuchs und benötigen neue Energiereserven für die Reise.