Durchbruch auf hoher See: 80 Staaten ebnen den Weg für den größten Meeresschutz der Geschichte
Ein knappes Drittel der Weltmeere soll mit dem nun verabschiedeten Hochseeabkommen international geschützt werden. Die breite Basis der Staaten, die den Vertrag ratifizieren wollen, ist ermutigend.

Nachdem Marokko und Sierra Leone den Vertrag als 60. und 61. Staat im
September ratifiziert hatten, war die Hürde von mindestens 60
ratifizierenden Staaten überschritten. Mittlerweile haben 80 Staaten
ihre Beteiligung durch ihre Ratifizierung bestätigt.
Bisher gab es keine rechtliche Grundlage für den Schutz der internationalen Gewässer auf hoher See, die eine möglichst hohe Zahl von Staaten mitträgt.
Die grundlegende Schwierigkeit für das Zustandekommen war die Tatsache, dass die Hochsee allen gehört. Oder auch niemanden. Die Hochsee umfasst alle Meeresflächen, die mehr als 210 Meilen von einer Küste entfernt liegen. Dies sind immerhin zwei Drittel der weltweiten Meere.
Gute Beispiele
Es gibt heute schon Orte, an denen sich beobachten lässt, was passiert, wenn das Meer geschützt wird. Einer dieser Orte liegt vor Hawaii im Pazifik. Seit der damalige US-Präsident Barack Obama 2016 das Papahānaumokuākea Marine National Monument auf 1,5 Millionen Quadratkilometer erweiterte und die Fischerei dort untersagt ist, sind unzählige Arten zurückgekehrt. Dieses Bespiel zeigt, dass der Schutz wirkt. Das Meer erholt sich, wenn man es lässt.
Ähnliches soll nun auf der Hohen See gelingen, also in den Gebieten jenseits von staatlichen Grenzen und Gesetzen. In Meereszonen, in denen keine nationalen Regulierungen gelten, sollen durch das neue Hochseeabkommen großflächige Schutzzonen eingerichtet werden.
In ihnen soll sich die Biodiversität erholen können, die durch die Erhitzung der Ozeane, die Verschmutzung und die Fischerei stark in Bedrängnis geraten ist. Zudem regelt das Abkommen die künftige Nutzung genetischer Ressourcen mariner Organismen und führt Umweltverträglichkeitsprüfungen für die Hohe See ein.
Forschung entdeckt immer mehr Arten auf hoher See
so Stefan Hain, Leiter der Stabstelle Umweltpolitik des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung. Durch den Einsatz von neuester Technik wie Unterseekameras wissen Forscherinnen und Forscher heute, welche Lebewesen in der Hochsee leben. Diese umfassen Organismen, die sie vor 10 oder 20 Jahren noch gar nicht kannten.
Auch für das Klima ist die Hohe See mit ihren Strömungen und ihrer Kapazität, CO2 aufzunehmen, extrem wichtig. Nur wenn es gelingt, Meeresschutzgebiete unter strengen Schutz zu stellen und illegale Aktivitäten zu überwachen, könnte sich dies vorteilhaft für Klima, biologische Vielfalt und Wirtschaft auswirken.
Insgesamt soll das Abkommen helfen, das Ziel zu erfüllen, 30 Prozent der Flächen der Hohen See bis 2030 unter Schutz zu stellen. Heute steht nur etwa ein Prozent unter Schutz.
Vorsichtiger Optimismus
Begleitet wird das Abkommen mit vorsichtigem Optimismus. Eine Kernfrage besteht darin, wer den Inhalt und die Wirkung des Abkommens kontrollieren soll. In vielen Hochseegebieten wird intensiver Fischfang betrieben. Mehrere Staaten fischen auf der Hohen See und werden vermutlich nur unter Druck die Einhaltung ausgewiesener Schutzgebiete befolgen.
Grundsätzlich kann eine Überwachung von Schutzgebieten durch Satelliten erfolgen. Allerdings bringe dies sehr wenig, wenn man nicht parallel dazu die Möglichkeit einer Präsenz von überwachenden Schiffen innerhalb der Schutzgebiete gewährleistet.
Inhaltliche Fragen
Auch zum Inhalt des Abkommens gilt es in den kommenden Monaten und Jahren noch so manches Hindernis und manche offene Frage, die geklärt werden muss.
So spricht der Vertragstext schlicht vom Schutz der „Biodiversität auf Hoher See“. Es ist aber völlig unklar, ob damit auch der Meeresboden, und damit der Tiefseebergbau, unter das Abkommen fällt.
Hier könnte speziell seitens der USA, Russlands und Chinas noch manche, unangenehme Überraschung bei der Umsetzung des Abkommens bevorstehen, denn diese Staaten verfolgen eine sehr aggressive Vorgehensweise beim Thema Tiefseebergbau.
Kein Veto
Innerhalb eines Jahres muss die erste Hochsee-Konferenz zur Umsetzung des Abkommens stattfinden.
Bereits heute steht fest, dass eines dort anders sein wird als etwa bei der Klimakonferenz: Um ein neues Meeresschutzgebiet einzurichten, reicht eine Drei-Viertel-Mehrheit der anwesenden und abstimmenden Staaten – statt der sonst üblichen Einstimmigkeit.
erklärte Rebecca Hubbard von der High Seas Alliance, einer Dachorganisation mit über 70 NGOs als Mitgliedern, die die Verhandlungen begleitete, gegenüber der österreichischen Tageszeitung DER STANDARD.
Die Vergangenheit haben gezeigt, dass Entscheidungen allzu oft durch das Prinzip der Einstimmigkeit verhindert werden. Es sei nach ihrer Ansicht allerdings sehr ermutigend, dass die Verhandlungen um das Hochseeabkommen bisher deutlich pragmatischer verlaufen seien.
Diese Vorgehensweise könnte auch in anderen Foren zu einem Umdenken führen, etwa bei den Verhandlungen zu Schutzgebieten in der Antarktis.
In den kommenden Monaten und Jahren wird sich die Diskussion vor allem um die organisatorischen Details der Umsetzung des neuen Abkommens drehen. So müssen zu dessen Start Institutionen aufgebaut-, ein Finanzmechanismus beschlossen- und ein Regelwerk für die anstehenden Konferenzen geschrieben werden, wie Rebecca Hubbard betonte.
In der aktuellen Zeit stark abnehmender multilateraler Vorgehensweisen ist die Inkraftsetzung des Hochseeabkommens auf alle Fälle eine ermutigende Tatsache.