Feuer, Fluten, Dürre wie in der biblischen Offenbarung: Warum Klimaangst und Klimatrauer völlig normale Reaktionen sind

Wer christlich geprägt aufgewachsen ist, fühlt sich angesichts von Feuer, Fluten und Dürre womöglich in der Apokalypse. Doch Angst und Klimatrauer sind keine Überreaktion, sondern zunächst normale menschliche Reaktionen darauf.

Erwachsene und auch Kinder erleben den Extremsommer 2026 unmittelbar oder täglich in den Nachrichten. Bilder von Feuer, Dürre und zerstörten Landschaften können Angst und Trauer auslösen – Gefühle, die keineswegs unnormal sind.
Erwachsene und auch Kinder erleben den Extremsommer 2026 unmittelbar oder täglich in den Nachrichten. Bilder von Feuer, Dürre und zerstörten Landschaften können Angst und Trauer auslösen – Gefühle, die keineswegs unnormal sind.

Brennende Wälder, ausgetrocknete Flüsse, sterbende Tiere, zerstörte Ernten und eine Hitze, vor der sich Millionen Menschen schützen müssen: Die Nachrichten dieses Sommers erzeugen Bilder, die an apokalyptische Erzählungen erinnern. Feuer, Wassermangel und Verwüstung erscheinen nicht mehr als ferne Zukunftsszenarien, sondern dringen in unseren Alltag ein.

Vielleicht reagieren Sie darauf mit Angst. Vielleicht empfinden Sie Trauer um Landschaften, die sich unwiederbringlich verändern. Möglicherweise kommen Wut, Schuldgefühle, Hilflosigkeit oder die quälende Sorge hinzu, in welcher Welt Kinder und Enkel einmal leben werden.

Die wichtigste Botschaft der Wissenschaft lautet zunächst:

Solche Gefühle sind keine Überreaktion. Sie können eine natürliche und verständliche Antwort auf eine reale oder erwartete Bedrohung sein.

Ihre Angst ist keine Überreaktion sondern ein legitimes Gefühl

Angst besitzt eine wichtige Funktion. Sie warnt Sie vor Gefahren, erhöht Ihre Aufmerksamkeit und bereitet Ihren Körper darauf vor, zu reagieren. Wenn Sie angesichts von Waldbränden, Überschwemmungen oder langfristigen Klimaveränderungen besorgt sind, leiden Sie deshalb nicht automatisch unter einer psychischen Erkrankung.

Die Psychologin Hannah Comtesse und ihr Forschungsteam ordnen die 'Klimaangst', die vielleicht Sie oder einer Ihrer Lieben empfinden, in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung zunächst als angemessene Reaktion auf mögliche zukünftige Bedrohungen durch den Klimawandel ein.

Zugleich betonen sie, dass ökologische Trauer eine natürliche und nachvollziehbare Antwort auf tatsächliche Verluste sein kann.

Denn Trauer ist nicht auf den Tod eines Menschen beschränkt. Sie können um einen abgebrannten Wald, einen schwindenden Gletscher, eine verschwundene Tierart oder eine vertraute Jahreszeit trauern.

Diese Reaktion auf den Verlust bedeutsamer Landschaften, Arten, Ökosysteme oder Lebensweisen wird als ökologische Trauer oder Klimatrauer bezeichnet.

Sie trauern möglicherweise um eine Welt, die noch existiert

Das Ungewöhnliche an Klimatrauer ist, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinanderfließen. Einige Verluste sind bereits eingetreten, andere zeichnen sich erst ab. Menschen trauern deshalb nicht nur um das, was verschwunden ist, sondern auch um das, was sie möglicherweise noch verlieren werden.

Eltern können beispielsweise darunter leiden, dass ihre Kinder bestimmte Winter, Wälder oder Tierarten vielleicht nicht mehr so erleben werden wie sie selbst. Die befürchtete Veränderung liegt in der Zukunft – die Trauer darüber wird jedoch bereits heute empfunden.

Solastalgie: Ein Gefühl was eintreten kann wenn Heimat und Identität können verloren gehen

Menschen entwickeln Bindungen zu Wäldern, Flüssen, Bergen und anderen vertrauten Orten. Diese Landschaften tragen Erinnerungen, vermitteln Sicherheit und können Teil der persönlichen oder kulturellen Identität werden.

Verändert sich ein solcher Ort unwiederbringlich, verlieren Menschen deshalb nicht nur Natur. Sie können das Gefühl bekommen, dass ihnen ein Teil ihrer Heimat und ihrer eigenen Lebensgeschichte genommen wird.

Für den besonderen Schmerz über die unerwünschte Veränderung einer vertrauten Landschaft verwendet die Wissenschaft den Begriff Solastalgie:

Gemeint ist eine Art Heimweh, das entsteht, obwohl man seine Heimat gar nicht verlassen hat – weil der vertraute Ort selbst nicht mehr derselbe ist.

Ohnmacht, Wut und Schuld gehören zum Gefühlsgemisch

Klimatrauer besteht selten allein aus Traurigkeit:

  • Hinzukommen können Angst, Wut, Bitterkeit, Schuld, Scham und ein Verlust von Sicherheit.
  • Manche Menschen zweifeln an ihren Lebensentscheidungen.
  • Andere reagieren wütend auf politische Untätigkeit oder das Verhalten großer Unternehmen.

Die wissenschaftliche Veröffentlichung von Hannah Comtesse und ihren Kollegen beschreibt solche Reaktionen zunächst nicht als pathologisch. Sie können ausdrücken, dass Menschen eine enge Beziehung zur Natur besitzen und erkennen, dass etwas Wertvolles bedroht ist.

Normal bedeutet nicht, dass man alles ertragen muss

Die Feststellung „Ihre Angst ist normal“ darf jedoch nicht bedeuten, dass Betroffene mit ihr alleinbleiben sollen. Wird das Grübeln unkontrollierbar, treten dauerhafte Schlafprobleme auf oder ziehen sich Menschen vollständig aus ihrem sozialen Leben zurück, kann professionelle Unterstützung notwendig werden.

Entscheidend ist, wie stark und wie lange der Alltag beeinträchtigt wird. Eine verständliche Reaktion auf eine reale Gefahr und eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung sind nicht dasselbe.

Ihre Angst zeigt, dass Ihnen diese Welt nicht gleichgültig ist

Klimatrauer kann lähmen und das Gefühl erzeugen, ohnehin nichts mehr bewirken zu können. Sie kann aber auch sichtbar machen, was uns besonders wichtig ist. Wer um einen Wald, eine vertraute Landschaft oder die Zukunft seiner Kinder trauert, empfindet diesen Schmerz, weil eine tiefe Bindung besteht.

Die Aufgabe besteht deshalb nicht darin, jede Angst zum Schweigen zu bringen. Es geht darum, sie anzuerkennen, gemeinsam zu verarbeiten und daraus Handlungsmöglichkeiten entstehen zu lassen.

Klimaangst ist nicht automatisch ein Zeichen persönlicher Schwäche. Sie kann zeigen, dass ein Mensch die Gefahr erkennt – und dass ihm die Welt, in der er lebt, nicht gleichgültig geworden ist.

Artikelreferenz

Hannah Comtesse 1, Verena Ertl 1, Sophie M C Hengst 2, Rita Rosner 1, Geert E Smid 2,3,*. (16 January 2021). Ecological Grief as a Response to Environmental Change: A Mental Health Risk or Functional Response?.