CCS - die vorletzte Patrone im Lauf der Fossilen
Es ist ernüchternd, wenn unwissende Politikerinnen und Politiker auf steile Thesen hereinfallen. Das Ergebnis: völlig sinnlose Aussagen, die aber gleichzeitig sehr viel über den Hintergrund verraten.

In diese Kategorie fällt auch eine Aussage der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf der Weltklimakonferenz COP 30 in Belém zu den möglichen Maßnahmen gegen die Klimaveränderungen und deren Folgen:
Man muss diesen Satz fast mehrmals lesen – so unglaublich dilettantisch ist die dahinterstehende Botschaft. Wie kann eine hochrangige Politikerin, die einst den European Green Deal ins Leben rief, nur so einen Satz von sich geben, der eher einem Vertreter der Zweifler am menschengemachten Klimawandel zuzutrauen wäre?
Interessen der Ölkonzerne
Es könnte sein, dass Frau von der Leyen in letzter Zeit einmal zu oft bei Vertretern von Ölkonzernen zum Abendessen eingeladen war. Solche Sätze klingen sehr verdächtig nach Aussagen von Pressesprechern oder Vorständen dieser Konzerne.
So hatte der Chef von ExxonMobil, Darran Woods, auf der COP 28 in Dubai eine fast identische Aussage von sich gegeben. Da bei den Verhandlungen
Die Parallele zwischen dem Satz von Ursula von der Leyen und der Aussage von Darren Woods verblüfft, kann aber nicht überraschen. Erst im Sommer 2025 hatte die EU-Kommission dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump am 27. Juli 2025 versprochen, in den kommenden Jahren fossile Energien für 750 Milliarden US-Dollar zu importieren - um damit die von Trump einseitig verkündeten extremen Zollsätze gegen die EU zu vermieden.
Wie soll man Emissionen senken, wenn man gleichzeitig an den fossilen Energien festhält? Die von von der Leyen und Darran Woods angedeutete Lösung zielt auf eine Technologie ab, die man im Fachjargon Carbon Capture and Storage (CCS), also Kohlenstoffabscheidung und - speicherung nennt.
Das scheinbar einfache Konzept von CCS
Die in der Theorie genial einfache Idee hinter CCS: man fängt das CO2 auf, dass normalerweise als Treibhausgas in der Atmosphäre landet, und speichert es im Boden oder im Meer.
In Deutschland ist vor kurzem ein Gesetz in Kraft getreten, dass CCS grundsätzlich erlaubt und fördert. In anderen Ländern ist die Technologie bereits im Einsatz, ohne dass man die Konsequenzen final beurteilt hat.
Das Chevron-Projekt Great Gorgon
Die aktuell größte CCS-Anlage befindet sich im Nordwesten Australiens auf Barrow Island. Das Gebiet gilt als artenreiches Schutzgebiet mit Mangrovenwäldern und Korallenriffen. Gestört wird die Natur diesem Gebiet nur durch die Tatsache, dass unter Barrow Island auch ein riesiges Erdgasvorkommen liegt.
Die Nutzungsrechte sicherte sich der Öl- und Gaskonzern Chevron im Jahr 2016. Er betreibt dort das weltweit größte Förderprojekt für Flüssiggas unter dem Projektnamen „Great Gorgon“.
Bei der Förderung von Gas entsteht grundsätzlich auch CO2, das in die Atmosphäre gelangt. Chevron bekam die Genehmigung für das Projekt nur unter der Bedingung, dass mindestens 80 Prozent der entstehenden Emissionen aufgefangen und gespeichert werden müssen.
Es folgte der Bau der bislang größten CCS-Anlage der Welt, die Emissionen abscheiden- und unter Barrow Island in einem natürlichen Reservoir injizieren soll.
Erwartungen v. Realität
Die Anlage ging mit drei Jahren Verspätung im Betrieb. Seither kam sie kein einziges Mal auch nur in der Nähe der 80 Prozent-Marke. Im Gegenteil: die Menge an gebundenem CO2 ist nach dem Betriebsbeginn immer weiter gesunken.
Der Grund dafür ist physikalisch einfach erklärbar: im Reservoir wurde der Druck zu hoch! Übersteigt er eine gewisse Grenze, kommt es zu Leckagen, durch die das gespeicherte CO2 wieder austreten kann. Um das zu vermeiden, musste man die Menge der Entnahme von CO2 drosseln.
Wirtschaftlich war das Projekt für Chevron sehr erfolgreich: die Gasförderung stieg ständig an. Die damit verbundenen CO2-Emissionen allerdings auch, mit dem entscheidenden Nachteil, dass die 80 Prozent-Quote des Auffangens und Speicherns mit der CCS-Anlage nie erreicht wurde.
Insgesamt entstehen durch das Great Gordon-Projekt laut Dokumenten von Chevron bei der Förderung derzeit ca. 50 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr. Nach neun Betriebsjahren wären dies rechnerisch 450 Millionen Tonnen CO2. Davon entsprechen 360 Millionen Tonnen CO2 der 80 % Quote durch CCS. Tatsächlich wurden im weltweit größten CCS-Projekt bisher in neun Jahren lediglich 11 Millionen Tonnen CO2 abgeschieden und gespeichert.
Keine Ausnahme – sondern die Regel
Die Absurdität der Great Gordon Anlage ist nur eine von vielen Enttäuschungen zwischen Berechnungen bzw. Erwartungen und Realität der fossilen Konzerne.
Aus einem Bericht dem Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) geht hervor, dass die meisten großen Projekte bisher scheitern oder weit hinter den Erwartungen zurückbleiben.
Ein Branchenbericht des Global CCS-Institute zeigt, dass derzeit 77 CCS-Anlagen weltweit im Betrieb sind, die insgesamt 64 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr speichern. Dem gegenüber stehen 38 Milliarden Tonnen CO2, die durch die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas pro Jahr emittiert werden. Das ist fast 600-mal so viel als der Wert des durch CCS-Anlagen aktuell abgeschiedenen und gespeicherten CO2.
CCS richtig einschätzen
Ich sehe CCS durchaus als eine der Optionen an, um zu vermeiden, dass CO2 in die Atmosphäre gelangt. Insofern begrüße ich es durchaus, wenn Investitionen in Anlagen mit realistischen Werten und nach sorgfältiger ökologischer Prüfung intensiviert werden.
Sie schaffen bei der Bevölkerung eine völlig falsche Erwartungshaltung. Durch diese Art politischer Kommunikation vermeidet man die Lösungssuche nach dem eigentlichen Ziel, um dem Klimawandel wirksam zu begegnen: dem schnellstmöglichen Ausstieg aus fossilen Energien!
Mir ist sehr bewusst, dass diese Frage bei einem Abendessen zwischen Politikern und Vertretern der Ölkonzerne eher unangebracht ist.
Noch eine Bemerkung zum Schluss: die Idee zu diesem Artikel und die dargestellten Fakten stammen vom Klimablog Treibhauspost aus Berlin, wo meine journalistischen Kollegen Julian Gupta und Manuel Kronenberg regelmäßig das aktuelle politische Geschehen zum Thema Klimawandel analysieren.