Wissenschaftlich bestätigt: Darum leiden Frauen oft länger unter Schmerzen

Warum leider Frauen oft länger unter Schmerzen als Männer? Eine neue Studie aus den USA zeigt: Nicht mangelnde Belastbarkeit ist der Grund, sondern ein feiner Unterschied im Immunsystem.

Von wegen schmerzempfindlich: Frauen leider tatsächlich länger als Männer (Foto: Adobe Stock)

Dass Frauen häufiger unter chronischen Schmerzen leiden als Männer, ist seit Jahren bekannt. Ob Migräne, Rheuma oder Rückenschmerzen – sie sind deutlich öfter betroffen. Lange blieb unklar, woran das liegt. Nun liefert eine Studie aus den USA eine überraschend konkrete Erklärung: Der Unterschied könnte in einem aktiven Prozess unseres Immunsystems liegen. Und im Einfluss des männlichen Geschlechtshormons Testosteron.

Bei manchen Menschen bleibt das Alarmsystem aktiv

Schmerz ist zunächst ein Schutzmechanismus. Wird Gewebe verletzt oder entzündet, senden spezialisierte Nervenfasern Alarmsignale ans Gehirn. Wir reagieren instinktiv, ziehen die Hand von der heißen Herdplatte oder schonen ein verletztes Knie. Normalerweise ebbt der Schmerz ab, sobald die Wunde verheilt oder die Entzündung abgeklungen ist. Doch bei manchen Menschen bleibt das Alarmsystem aktiv. Die Folge sind chronische Schmerzen, von denen Frauen deutlich häufiger betroffen sind als Männer.

Maus-Studie an der Michigan State University

Ein Forschungsteam um Jaewon Sim von der Michigan State University hat nun in Tierversuchen untersucht, warum das so sein könnte. Die Wissenschaftler fügten männlichen und weiblichen Mäusen kleine Verletzungen zu oder lösten gezielt Entzündungen aus. Zunächst reagierten alle Tiere ähnlich empfindlich. Doch nach etwa einer Woche zeigte sich ein Unterschied: Die männlichen Mäuse wurden deutlich schneller wieder schmerzunempfindlicher, während die Weibchen weiterhin stark reagierten.

Das Molekül Interleukin-10 scheint der Schlüssel zu sein

Der Schlüssel scheint ein bestimmter Botenstoff zu sein: Interleukin-10 (IL-10). Dieses Molekül wird von speziellen Immunzellen, den sogenannten Monozyten, ausgeschüttet. IL-10 wirkt entzündungshemmend und sendet direkt an die Schmerzfasern das Signal, ihre Aktivität herunterzufahren. Bei den männlichen Mäusen fanden die Forscher deutlich höhere IL-10-Spiegel im verletzten Gewebe. Zudem verfügten ihre Zellen über mehr Rezeptoren für dieses "Stopp-Signal". Blockierten die Wissenschaftler die IL-10-Rezeptoren, verlängerte sich auch bei den Männchen die Schmerzphase. Für die Forscher ist das ein klarer Hinweis: Das Abklingen von Schmerz ist kein passiver Vorgang, der einfach mit der Heilung einsetzt. Es handelt sich vielmehr um einen aktiven, immunologischen Prozess.

Testosteron beeinflusst die Schmerzregulation maßgeblich

Doch warum produzieren männliche Tiere mehr IL-10? Die Antwort liegt offenbar im Hormonhaushalt. In weiteren Experimenten erhielten weibliche Mäuse Testosteron. Daraufhin stieg ihre IL-10-Produktion, und ihre Schmerzen klangen schneller ab. Wurde umgekehrt bei männlichen Tieren die Wirkung von Testosteron blockiert, sank der IL-10-Spiegel – und die Schmerzen hielten länger an. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Testosteron die Schmerzregulation über das Immunsystem maßgeblich beeinflusst. Für die Medizin könnte das neue Wege eröffnen: Künftige Therapien gegen akute und chronische Schmerzen könnten gezielt an diesem Mechanismus ansetzen und dabei geschlechtsspezifische Unterschiede stärker berücksichtigen.