Warum der Mensch noch vor 7000 Jahren die Biodiversität vorantrieb – und was dann geschah

Über Jahrtausende hinweg hatte die Landwirtschaft die Pflanzenvielfalt im Schweizer Mittelland gefördert. Eine neue Studie konnte nun zeigen, dass erst die intensive Bewirtschaftung der vergangenen Jahrzehnte den drastischen Rückgang der Biodiversität auslöste.

Luftaufnahme des Hüttwilersees im Kanton Thurgau, Schweiz. Die Sedimente in diesem und zwei weiteren Seen gewähren Einblicke in die Pflanzenvielfalt seit der Jungsteinzeit. Bild: Thomas Stadler, Zürich
Luftaufnahme des Hüttwilersees im Kanton Thurgau, Schweiz. Die Sedimente in diesem und zwei weiteren Seen gewähren Einblicke in die Pflanzenvielfalt seit der Jungsteinzeit. Bild: Thomas Stadler, Zürich

Der Mensch ist heute einer der wichtigsten Verursacher des weltweiten Artensterbens. Doch das war nicht immer so. Eine Untersuchung der Universität Basel konnte nun zeigen, dass in den vergangenen 7000 Jahren ein deutlicher Wandel stattgefunden hat.

Demnach sorgte die frühe landwirtschaftliche Nutzung vielerorts nicht für einen Verlust, sondern sogar für eine Zunahme der Pflanzenvielfalt. Erst mit der Industrialisierung der Landwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte sich dieser langfristige Trend um.

Für die Untersuchung wurden Sedimentablagerungen aus dem Moossee bei Bern, dem Burgäschisee sowie dem Hüttwilersee im Kanton Thurgau analysiert. In den Bohrkernen lagern Schichten, die über Jahrtausende hinweg Pollen und weitere biologische Spuren konserviert haben.

Landwirtschaft schafft neue Lebensräume

Aus den Ablagerungen rekonstruierten die Wissenschaftler, wie sich einerseits Pflanzenwelt entwickelte und wie intensiv andererseits die landwirtschaftliche Nutzung war. Mithilfe der Radiokohlenstoffmethode wurden die einzelnen Schichten zeitlich eingeordnet.

Aufbereitete Pollenprobe aus der Jungsteinzeit von den Sedimenten des Hüttwilersees. Pollenkörner sind rötlich eingefärbt. Holzkohleteilchen als Anzeichen für Brände erscheinen schwarz. Bild: Forschungsgruppe Geoökologie/Universität Basel
Aufbereitete Pollenprobe aus der Jungsteinzeit von den Sedimenten des Hüttwilersees. Pollenkörner sind rötlich eingefärbt. Holzkohleteilchen als Anzeichen für Brände erscheinen schwarz. Bild: Forschungsgruppe Geoökologie/Universität Basel

„Das ist ein außergewöhnlich umfangreicher und genau datierter Datensatz“, erklärt Prof. Dr. Oliver Heiri vom Departement Umweltwissenschaften der Universität Basel. „Wir können damit Veränderungen der Pflanzenvielfalt im Umland der Seen während der letzten 7000 Jahre in einer Auflösung nachzeichnen, die der modernen Ökologie nahekommt – und das aus einer Zeit vor der modernen Ökologie.“

Die Auswertung zeigt, dass mit der Ausbreitung von Ackerbau und Viehzucht seit der Jungsteinzeit auch die Artenvielfalt zunahm. Zuvor war das Schweizer Mittelland überwiegend von geschlossenen Wäldern geprägt und bot vergleichsweise einheitliche Lebensbedingungen.

Mit der menschlichen Nutzung entstand dagegen eine abwechslungsreiche Kulturlandschaft: Felder, Weiden, Hecken und später Hochstammobstgärten bildeten ein enges Nebeneinander unterschiedlicher Lebensräume. Viele spezialisierte Pflanzen fanden dadurch geeignete Standorte.

Schnitt durch einen Sedimentbohrkern vom Moossee. Jahr für Jahr bildet sich eine neue Sedimentschicht aus dem organischen Material, das sich auf dem Seegrund ablagert. Bild: Geoecology Research Group/University of Basel
Schnitt durch einen Sedimentbohrkern vom Moossee. Jahr für Jahr bildet sich eine neue Sedimentschicht aus dem organischen Material, das sich auf dem Seegrund ablagert. Bild: Geoecology Research Group/University of Basel

„Man denkt vielleicht, dass menschlicher Einfluss schlecht für die Pflanzenvielfalt sein müsste, weil wir das von heute so kennen“, sagt Dr. Fabian Rey, paläoökologischer Laborleiter, ebenfalls vom Departement Umweltwissenschaften. „Aber der damalige Landbau und die Viehhaltung machten die Landschaft diverser.“

Moderne Landwirtschaft verändert alles

Die Untersuchung dokumentiert zugleich Phasen, in denen die Pflanzenvielfalt deutlich zurückging. Dazu zählen die Zeit nach dem Untergang des Römischen Reiches sowie die großen Pestwellen des Mittelalters.

In beiden Epochen wurde vielerorts weniger Landwirtschaft betrieben. Waldflächen breiteten sich erneut aus und verdrängten die zuvor entstandene Vielfalt offener Lebensräume. „In Zeiten, in denen sich die Menschen weniger um Landwirtschaft kümmern konnten, wuchs der Wald zurück und die Pflanzenvielfalt nahm auf Landschaftsebene ab“, erklärt Heiri.

Bis etwa zum Ende des Zweiten Weltkriegs verliefen landwirtschaftliche Nutzung und Artenvielfalt weitgehend parallel. Seit rund 80 Jahren beobachten die Forschenden jedoch einen starken Rückgang der Pflanzenvielfalt.

Als Ursachen nennen sie großflächige, einheitliche Bewirtschaftung sowie den intensiven Einsatz von Dünger und Pestiziden. Dennoch bleibt Anlass zur Hoffnung. „In unseren Daten sehen wir aber auch, dass sich die Pflanzenvielfalt nach früheren Einbrüchen wieder erholt hat, wenn die Menschen zu einer Landwirtschaft mit abwechslungsreichen Flächen zurückkehrten“, sagt Rey. Dies deute darauf hin, dass sich auch der heutige Negativtrend grundsätzlich umkehren lasse.

Artikelreferenz

Rey, F., et al. (2026). Decadal-scale pollen records link land use and plant diversity change across European lowlands over seven millennia.