Unsichtbarer Strom: Wie Streaming, KI und Co. heimlich unseren Energieverbrauch antreiben

Ob Streaming, Social Media oder KI – unser digitales Leben verbraucht auf externen Servern unglaublich viel Strom. Jüngste Untersuchungen zeigen nun, wie groß der Einfluss unseres Nutzungsverhaltens im Hintergrund tatsächlich ist – und auch, dass wir gegensteuern können.

Matthias Hillebrand hat den externen Stromverbrauch durch Streaming-Dienste untersucht. Bild: Hochschule Biberach
Matthias Hillebrand hat den externen Stromverbrauch durch Streaming-Dienste untersucht. Bild: Hochschule Biberach

Scrollen, streamen, Musik hören – digitale Anwendungen sind aus dem Alltag kaum mehr wegzudenken. Was dabei oft übersehen wird, ist, dass hinter jedem Dienst eine komplexe Infrastruktur aus Servern, Netzwerken und Cloud-Systemen steckt, die rund um die Uhr Energie benötigt. Obwohl dieser Stromverbrauch andauernd wächst, bleibt er für Nutzende unsichtbar.

Externer Stromverbrauch bezieht sich auf den Energiebedarf externer Geräte oder Systeme. Wäre das Internet ein Land, so hätte es heute bereits den sechsgrößten Energieverbrauch der Welt.

Genau diesen externen Stromverbrauch hat Matthias Hillebrand, Absolvent des Bachelorstudiengangs Energie-Ingenieurwesen an der Hochschule Biberach, in seiner Abschlussarbeit untersucht. Betreut wurde er dabei von Prof. Dr.-Ing. Roland Koenigsdorff.

Individueller Energieverbrauch im Alltag

Die Arbeit entstand interdisziplinär, wurde also von weiteren Fachbereichen begleitet. Neben technischen Aspekten flossen auch sozialwissenschaftliche in die Analyse mit ein. Das Untersuchungsergebnis zeigt eine große Spannbreite: Pro Person können jährlich zwischen 1 und 141 Kilowattstunden an externem Stromverbrauch entstehen.

Die Spannbreite hängt stark vom individuellen Nutzungsverhalten ab. Wer viel streamt, online spielt oder Cloud-Dienste intensiv nutzt, erzeugt deutlich mehr Datenverkehr – und damit mehr Energieverbrauch.

Die Berechnungen basieren auf Umfragen, Literaturrecherchen und einem eigens entwickelten Modell. Dennoch bleibt ein Unsicherheitsfaktor bestehen. „Das Problem ist, dass viele Daten fehlen“, bedauert Hillebrand. Große Anbieter würden kaum konkrete Zahlen zum Energieverbrauch ihrer Dienste veröffentlichen.

Warum wir den digitalen Strom kaum wahrnehmen

Seine Ergebnisse seien daher als fundierte Schätzung zu verstehen – nicht als absolute Wahrheit. Es steht jedoch fest, dass der externe Stromverbrauch real ist, auch wenn er für die meisten unsichtbar bleibt.

Wir zahlen ihn indirekt über Abos oder Internetverträge und haben keinen direkten Bezug dazu.

Während Stromsparen im Haushalt für viele selbstverständlich ist, wird der Energieverbrauch digitaler Dienste oft ignoriert. Der Grund liegt in den versteckten Vertragskosten von Diensten, die ein bewusstes Verhalten erschweren. Anders als bei einer eingeschalteten Lampe fehlt die direkte Rückmeldung über den Verbrauch.

Kleine Änderungen – große Wirkung

Ein reflektierter Umgang mit digitalen Angeboten kann gleich mehrere positive Effekte haben. Neben Energieeinsparungen bessern sich auch Konzentration und Wohlbefinden: Weniger parallele Nutzung, gezielteres Streaming und reduzierter Nebenbei-Konsum können den Stresspegel senken und die eigene Aufmerksamkeit steigern. „Überraschend finde ich, dass zu den häufigsten Beweggründen, digitale Dienste einzuschränken, der Wunsch nach mehr Fokus und weniger Ablenkung zählt“, sagt Betreuer Koenigsdorff.

Tablet, Handy, Musik hören – alles parallel. So sieht der heutige Alltag bei vielen Menschen aus. Bild: Hochschule Biberach
Tablet, Handy, Musik hören – alles parallel. So sieht der heutige Alltag bei vielen Menschen aus. Bild: Hochschule Biberach

Schon einfache Maßnahmen können den Energieverbrauch reduzieren, etwa wenn man Inhalte herunterlädt, statt sie mehrfach zu streamen. Auch bewusste Entscheidungen bei der Nutzung von Geräten und Diensten können den Datenverkehr deutlich senken. Solche Anpassungen wirken zunächst gering, summieren sich aber bei Millionen Nutzenden zu einem erheblichen Einsparpotenzial.

Wichtig für den Klimaschutz

Der Energiebedarf digitaler Technologien wird in Zukunft weiter steigen. Besonders der Ausbau von Rechenzentren und KI-Anwendungen treibt den Stromverbrauch nach oben. Dabei ist Strom nicht automatisch klimaneutral. Je nach Energiequelle entstehen CO₂-Emissionen, die sich mit jeder zusätzlichen Datenanfrage erhöhen.

Für die Zukunft sieht Hillebrand mehrere Lösungsansätze: mehr Transparenz seitens der Anbieter, stärkere Sensibilisierung in der Gesellschaft und mögliche politische Maßnahmen.

Die wichtigste Botschaft der Arbeit ist, dass digitaler Konsum reale Auswirkungen hat. Auch wenn sie für uns nicht sichtbar sind, sind sie messbar und relevant. Wer sein eigenes Nutzungsverhalten hinterfragt, kann nicht nur Energie sparen. Er kann auch bewusster, konzentrierter und letztlich nachhaltiger leben.

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