Städtische Hitze: Studie zeigt, wie Menschen urbane Hitze erleben – fernab von Temperaturen

Wissenschaftler konnten am Beispiel Mexiko-Stadt zeigen, dass Hitze ab 25 Grad Celsius spürbar den Alltag verändert. Demnach erleben Menschen in der Stadt höhere Temperaturen als belastend – und ändern ihr Verhalten entsprechend.

Um das Hitzeempfinden richtig bewerten zu können, haben die Wissenschaftler in den sozialen Medien nachgesehen, was dazu gepostet wurde. Bild: Diwei Zhu/Unsplash
Um das Hitzeempfinden richtig bewerten zu können, haben die Wissenschaftler in den sozialen Medien nachgesehen, was dazu gepostet wurde. Bild: Diwei Zhu/Unsplash

Hitze in Städten entscheidet darüber, wie Menschen ihren Alltag verbringen, ob sie schlafen können, wie belastend der Weg zur Arbeit wird, welche Kleidung sie tragen und ob sie sich im öffentlichen Raum noch wohlfühlen.

Eine interdisziplinäre Studie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der Mendel-Universität im tschechischen Brünn hat die menschlichen Erfahrungen mit urbaner Hitze nun am Beispiel von Mexiko-Stadt untersucht.

Wendepunkt bei 25 Grad

„Satelliten und Wetterstationen können uns zeigen, wo es heiß ist und wie hoch die Temperaturen sind“, sagt Prof. Hannes Taubenböck vom Lehrstuhl für Globale Urbanisierung und Fernerkundung der Universität Würzburg. Sie könnten uns aber nicht sagen, ob Menschen Schwierigkeiten bei der Arbeit haben oder sich unsicher fühlen.

Für die Untersuchung werteten die Forschenden deshalb unterschiedlichste Daten aus, etwa von Satelliten, Wetterstationen, Zensus, Daten zur Bebauung sowie geolokalisierte Beiträge aus sozialen Medien, alles für das Jahr 2022. Dabei stießen sie auf einen markanten Schwellenwert.

„Sobald die Lufttemperatur 25 Grad Celsius überstieg, nahm die Zahl hitzebezogener Beiträge aus Mexiko-Stadt in den sozialen Medien exponentiell zu“, erklärt Erstautor Dr. Richard Lemoine-Rodríguez von der Universität Würzburg.

Hitze wirkt sich auf den kompletten Alltag aus: Schlaf, Kleidung, Bewegung, Psyche und Ernährung werden beeinflusst. Bild: Mike Ramírez Mx/Pixabay
Hitze wirkt sich auf den kompletten Alltag aus: Schlaf, Kleidung, Bewegung, Psyche und Ernährung werden beeinflusst. Bild: Mike Ramírez Mx/Pixabay

Oberhalb dieser Grenze wird Hitze viel stärker zum Gegenstand öffentlicher Kommunikation. Zugleich kamen aus besonders heißen und dicht bebauten Stadtteilen überdurchschnittlich viele Beiträge.

Die Inhalte der Beiträge umfassen eine große Bandbreite. Dabei werden auch Unterschiede zwischen Stadtteilen und Lebenssituationen sichtbar, die reine Temperaturdaten kaum abbilden können und für Planung künftig besonders relevant sind. Häufig ging es um gesundheitliche Beschwerden und Hitzestress, darunter Erschöpfung, Schlaflosigkeit, körperliches Unwohlsein und emotionale Belastungen.

Auch Arbeitsplätze wurden thematisiert: Menschen berichteten über fehlende Kühlung und darüber, trotz extremer Temperaturen keine kurze Kleidung tragen zu dürfen. Für Frauen konnte leichte Kleidung zudem neue Belastungen schaffen. Sie schilderten unerwünschte Aufmerksamkeit und Belästigungen, wenn sie sich wegen der Hitze luftiger kleideten.

Verkehr, Luft und soziale Ungleichheit

„Andere Beiträge beschäftigten sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln und der Infrastruktur – etwa mit Verspätungen, unangenehmen Fahrten und unzureichender Belüftung oder Klimatisierung“, berichtet Professorin Carolin Biewer.

Zusätzlich konkurrieren Abkühlung und Luftqualität: Wer ein Fenster öffnete, konnte zwar Hitze reduzieren, musste aber stärker verschmutzte Luft in Kauf nehmen. Diskutiert wurden außerdem Klimaanlagen, Möglichkeiten zur Abkühlung und die Versorgung von Vögeln, Haustieren und anderen Tieren mit Wasser. Natürlich prägte auch die Frage, wie Menschen mit den steigenden Temperaturen umgehen können, die Online-Debatte.

Einige Beiträge verbinden Hitze auch mit größeren gesellschaftlichen Fragen wie sozialer Ungleichheit und Klimawandel.

Insgesamt denken die Forschenden, dass es besser wäre, den Umgang mit urbaner Hitze stärker am Menschen zu orientieren. Die Verbindung von Fernerkundung, Linguistik, Digital Humanities und Geographie soll helfen, Anpassungsmaßnahmen stärker daran auszurichten, was die Bevölkerung tatsächlich erfährt.

„Um Städte an zunehmende Hitze anzupassen, reicht es nicht aus, zu wissen, wie heiß sie sind“, sagt Taubenböck. „Wir müssen auch verstehen, was diese Hitze für die Menschen bedeutet.“ Die Studie macht deutlich, dass Klimaanpassung nicht allein auf physikalischen Messwerten beruhen sollte, sondern auch darauf, wie unterschiedlich Menschen die Belastung im städtischen Alltag erfahren.

Artikelreferenz

Lemoine-Rodríguez, R., Debray, H., Biewer, C., Inostroza, L., & Taubenböck, H. (2026). From Measured to Experienced Heat: A Multimodal Analysis of Temperature, Urban Form, and Social Media in Mexico City. IEEE Journal of Selected Topics in Applied Earth Observations and Remote Sensing.