Runner’s High: Warum es im Körper eine cannabisähnliche Wirkung entfaltet – auch bei Marathon und Ultramarathon
Laufen kann Schmerzen dämpfen, Angst reduzieren und Euphorie auslösen – gemeint ist das berüchtigte Runner’s High. Eine Studie zeigt nun, dass auch über Stunden hinweg ein körpereigenes System aktiv bleibt, das cannabisähnliche Botenstoffe ansteigen lässt.

Als Runner’s High – oder Läuferhoch – wird ein Zustand schmerzfreier Euphorie bezeichnet, der nach langanhaltender sportlicher Aktivität wie dem Laufen, aber auch beim Radfahren oder Rudern eintreten kann. Besonders, wer einen Marathon oder sogar Ultramarathon absolviert, bringt seinen Körper an diese magische Belastungsgrenze.
Forschende der Universität Duisburg-Essen haben nun erstmals untersucht, wie sich die Botenstoffe im Körper bei Distanzen bis 230 Kilometer verändern, insbesondere die des Endocannabinoid-Systems – ein körpereigenes System, das ähnliche Wirkungen wie Cannabis hervorrufen kann.
Auch 230 Kilometer verändern das System
Im Mittelpunkt stand die Fettsäure Anandamid (AEA). Der Stoff gehört zu den Endocannabinoiden und kann an Rezeptoren andocken, an die sich auch das THC aus dem Cannabis bindet. Lange wurden zwar Endorphine als Ursache für das Runner’s High diskutiert, die jedoch nicht wie die Endocannabinoide die Blut-Hirn-Schranke passieren können.

Für die Marathonstudie liefen 19 erfahrene Läuferinnen und Läufer eine Strecke rund um den Baldeneysee, einen der Ruhrstauseen. Vor dem Start sowie nach 14, 28 und etwa 43 Kilometern wurden Blutproben genommen. Eine weitere Probe folgte nach 45 Minuten Erholung. Um einen Vergleichswert zu haben, absolvierten dieselben Personen später eine gleich lange Strecke im Gehen.
„Wir haben festgestellt, dass Anandamid nicht nur zu Beginn des Laufens ansteigt“, berichtet Studienleiter Dr. Michael Siebers. „Die Konzentration nimmt über einen ganzen Marathon weiter zu, und selbst 45 Minuten später sind die Werte noch erhöht.“ Beim Gehen sei die Veränderung wesentlich geringer ausgefallen.
Noch weiter ging der zweite Teil der Untersuchung bei der TorTour de Ruhr 2024, bei der 36 Ultramarathonläuferinnen und -läufer Strecken über 100, 160 oder sogar 230 Kilometer bewältigten. Vor und nach dem Rennen wurden erneut die Konzentrationen verschiedener Endocannabinoide bestimmt.

Auch nach den Extremdistanzen lag AEA deutlich über dem Ausgangswert. Zudem zeigte sich ein Anstieg bei 2-AG, einem weiteren wichtigen Endocannabinoid. Die psychischen Effekte waren jedoch andere: Nach dem Ultramarathon berichteten die Teilnehmenden von weniger Angst, während sich die Euphorie nicht signifikant veränderte. Schmerzen nahmen dagegen zu.
Runner’s High weiterhin ungeklärt
Bereits früher hatten Experimente mit Mäusen und später auch mit Menschen darauf hingedeutet, dass Angst- und Schmerzlinderung beim Laufen stärker mit dem Endocannabinoid-System als mit Endorphinen zusammenhängen könnten. Die Studie beweist dennoch nicht, dass Endocannabinoide die einzige Ursache des Runner’s High sind.
„Unsere aktuellen Ergebnisse zeigen zwar, dass das Endocannabinoid-System auch bei sehr langen Läufen aktiv bleibt“, sagt Prof. Dr. Johannes Fuß, dessen Arbeitsgruppe an der Universität Duisburg-Essen das Phänomen seit Jahren erforscht. „Ob die Botenstoffe tatsächlich für das Runner’s High verantwortlich sind, lässt sich daraus aber noch nicht ableiten.“
Künftige Untersuchungen müssen daher klären, welchen Anteil die Endocannabinoide an Euphorie, Angst und Schmerzempfinden beu Langstreckenläufen tatsächlich haben.
Artikelreferenz
Siebers, M., Huvermann, D., Siebers, C., et al. (2026). Endocannabinoid dynamics across marathon and ultramarathon running: evidence from two field studies. BMC Medicine.