„Künstliche Kryosphäre“: Wie Kühltechnologien die moderne Gesellschaft aufrechterhalten
Obwohl sie weitestgehend unsichtbar ist, ist künstliche Kälte zur unverzichtbaren Infrastruktur des 21. Jahrhunderts geworden, zur „stillen Grundbedingung der Moderne“. Wissenschaftler untersuchen nun, wie sich das kulturell auf uns auswirkt, welche ökologischen Kosten und welche Alternativen es gibt – in einer immer wärmer werdenden Welt.

Kühlschränke, Klimaanlagen, industrielle Kühlanlagen und Rechenzentren bestimmen den Alltag moderner Gesellschaften. Ohne sie wären Lebensmittelversorgung, medizinische Versorgung, digitale Kommunikation und viele wirtschaftliche Prozesse nicht aufrechtzuerhalten. Dennoch bleibt die Kühltechnik hinter der erzeugten Kälte weitgehend unsichtbar.
Das internationale Forschungsprojekt Cultures of the Cryosphere nimmt diese Abhängigkeit nun erstmals umfassend in den Blick, indem analysiert wird, wie künstliche Kälte mit sozialen Gewohnheiten, technischen Systemen und kulturellen Vorstellungen verbunden ist.
Eine globale künstliche Kryosphäre
Die Forschenden sprechen von einer „künstlichen Kryosphäre“ (von gr. kryo – kalt) – einem weltweiten Netzwerk aus Kühlketten, klimatisierten Räumen, Kryobanken und Datenzentren. Es entsteht eine Art unsichtbarer Dauerwinter, der die Grenzen natürlicher Jahreszeiten zunehmend aufhebt.
Künstliche Kälte hat auch den Umgang mit Zeit grundlegend verändert. Lebensmittel sind unabhängig von Erntezeiten verfügbar, biologische Prozesse lassen sich durch Tiefkühlung verlangsamen und Daten können weltweit nahezu ohne Verzögerung verarbeitet werden.

Gleichzeitig entsteht ein problematischer Kreislauf: Klimaanlagen schützen Menschen vor zunehmender Hitze, können aber durch Abwärme die Temperatur vieler Städte erhöhen, bis zu 2,5 Grad Celsius. Zudem steigt der städtische Energieverbrauch. Je heißer die Erde wird, desto stärker wächst auch der Bedarf an Kühlung.
Bereits heute entfallen rund 20 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs auf Kältesysteme. Eine weltweite Übernahme des heutigen westlichen Kühlmodells würde den Energiebedarf verfünffachen. Besonders betroffen sind Menschen in Regionen, die wenig zur Klimakrise beitragen, aber stärker unter Hitze leiden.
Zwölf Thesen zum gekühlten Leben im 21. Jahrhundert
Das unter anderem am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) angesiedelte Projekt will mit einem digitalen Atlas die weltweite Verbreitung von Kühltechnologien sichtbar machen und in einem Archiv alternative Praktiken sammeln. Dazu gehören passive Architektur, energieeffiziente Technologien, Begrünung und veränderte Konsummuster.

Untersucht werden vier besonders von der Erderwärmung betroffene Regionen: Sydney, Mumbai, Frankfurt am Main und New Orleans. Fallstudien beschäftigen sich unter anderem mit Klimaanlagen, Lebensmitteltransporten, biomedizinischer Kryokonservierung und dem steigenden Kühlbedarf digitaler Infrastrukturen.
Dabei verfolgen die Wissenschaftler einen interdisziplinären Ansatz aus Kulturgeschichte, Sozialwissenschaft, Geografie, Informatik, Philosophie und Technikethik, der darauf abzielt, nicht nur technische Entwicklungen zu beschreiben, sondern die gesellschaftlichen Entscheidungen hinter dem wachsenden Kälteverbrauch sichtbar zu machen.
Im Rahmen des Projekts wurden die obigen Erkenntnisse nun zu 12 Thesen zum globalen Kältekonsum zusammengefasst. Eine der Wichtigsten ist zweifelsohne, dass unser gesellschaftliches Leben, wie wir es kennen, ohne Dauerkühlung zusammenbrechen würde. Kühltechnik ist den Forschenden zufolge die „unsichtbare Grundbedingung des modernen Lebens“ geworden.
Unser Umgang mit Kälte ist demnach keine natürliche Notwendigkeit, sondern das Ergebnis historischer Entwicklungen und gesellschaftlicher Entscheidungen. Anders zu kühlen ist möglich – und angesichts der Klimakrise sind solche Anpassungen dringend erforderlich.