Klimareferenzkurve: Kann die Erde noch vor dem Treibhaus-Kollaps gerettet werden?

Ein internationales Forschungsteam warnt davor, dass sich das Klimasystem immer schneller destabilisieren könnte. Mehrere Kipppunkte werden offenbar schneller erreicht als gedacht. Die Folgen für Ökosysteme, Meeresspiegel und menschliche Gesellschaften sind womöglich irreversibel.

Informationen über die Klimageschichte auf der Erde liefert Forschenden abgelagertes Material (Sediment) von Land, hier das Bighorn Basin in den USA, und vom Meeresboden. Bild: U.Röhl/MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften, Universität Bremen
Informationen über die Klimageschichte auf der Erde liefert Forschenden abgelagertes Material (Sediment) von Land, hier das Bighorn Basin in den USA, und vom Meeresboden. Bild: U.Röhl/MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften, Universität Bremen

Über Hunderttausende und Millionen Jahre schwankte das Erdklima zwischen Kalt- und Warmzeiten. Die natürlichen Zyklen sorgten für ein bewegtes, aber insgesamt reguliertes System. Doch nach Einschätzung führender Klimaforschender gerät dieses Gleichgewicht zunehmend unter Druck – und zwar durch den Menschen.

„Die derzeitige Geschwindigkeit der Klimaveränderungen sind beispiellos schnell und außerhalb der natürlichen Schwankungen, die wir aus den vergangenen 66 Millionen Jahren kennen.“

– Thomas Westerhold, MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen

Nun mahnt ein internationales Forschungsteam eine entschlossene klimapolitische Kursänderung an. Die Forschenden bündeln aktuelle Erkenntnisse zu Klimarückkopplungen und zu insgesamt 16 Kippelementen im Erdsystem. Die Teilsysteme, etwa große Eisschilde oder bedeutende Meeresströmungen, können, wenn bestimmte Temperaturschwellen überschritten werden, abrupt instabil werden.

Gefährliche Rückkopplungseffekte

Der Analyse zufolge befinden sich mehrere der sensiblen Komponenten näher an kritischen Schwellenwerten. Das erhöhe das Risiko einer sich bildenden „Treibhaus“-Erde, in der sich Erwärmungsprozesse gegenseitig verstärken. Solche Rückkopplungseffekte könnten die globale Erwärmung beschleunigen und laufende Veränderungen weiter antreiben – selbst dann, wenn Emissionen reduziert würden. Die Ergebnisse wurden in der Zeitschrift One Earth veröffentlicht.

„Nach einer Million Jahren, in denen sich Eiszeiten und wärmere Perioden abwechselten, stabilisierte sich das Klima der Erde vor mehr als 11.000 Jahren, was die Landwirtschaft und komplexe Gesellschaften ermöglichte. Wir entfernen uns zunehmend von dieser Stabilität und könnten in eine Phase beispielloser Klimaveränderungen eintreten.“

– Prof. William Ripple, Department of Forest Ecosystems and Society, Oregon State University, Erstautor

Die Forschenden warnen vor möglichen Kettenreaktionen zwischen verschiedenen Untersystemen. Denn die könnten auf einen Pfad extremer Erwärmung und deutlich steigender Meeresspiegel führen – Entwicklungen, die auf menschlichen Zeitskalen kaum rückgängig zu machen wären.

Kipppunkte von globaler Tragweite

Zu den besonders gefährdeten Kippelementen zählen die Eisschilde in Grönland und der Antarktis. Auch Gebirgsgletscher, das arktische Meereis, boreale Wälder und Permafrostregionen werden genau beobachtet. Ebenfalls kritisch sind der Amazonas-Regenwald sowie die Atlantische Meridionale Umwälzströmung (AMOC), ein wichtiges Strömungssystem im Atlantik, das maßgeblich das Klima in Europa und darüber hinaus beeinflusst.

Wir könnten den Planeten überbelasten.

Thomas Westerhold vom MARUM ist Mitentwickler der Klimareferenzkurve CENOGRID, die Temperatur- und Klimadaten aus 66 Millionen Jahren Erdgeschichte zusammenführt. Westerhold erklärt: „Wenn wir nicht schnell von diesem ‚Treibhaus‘-Kurs abweichen, könnte das globale Klima in einen Zustand geraten, den es seit sehr vielen Millionen von Jahren nicht mehr gegeben hat.“

Die Ökosysteme seien an solche Bedingungen nicht angepasst und würden sich aufgrund der beispiellosen Geschwindigkeit der menschenverursachten Veränderungen wahrscheinlich auch nicht daran anpassen können, so Westerhold. „Klimadaten aus den vergangenen 66 Millionen Jahren zeigen, dass das Klima der Erde über Millionen von Jahren hinweg dramatischen Schwankungen unterworfen war.“ Aufgrund steigender anthropogener Treibhausgasemissionen würden wir jedoch in eine neue und ungewisse Phase eintreten.

Pariser Ziele unter Druck

Brisant wird das Ganze vor dem Hintergrund des Pariser Klimaabkommens. Das hatte sich zum Ziel gesetzt, die langfristige Erwärmung möglichst auf 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Fast ein Jahrzehnt später wurde der Wert jedoch über zwölf Monate hinweg überschritten, was von extremen Waldbränden, Überschwemmungen und anderen kostspieligen Naturkatastrophen begleitet wurde.

Um eine weitere Annäherung an Kipppunkte zu verhindern, plädieren die Autorinnen und Autoren für strukturelle Veränderungen. Klimaresilienz müsse systematisch in politische Entscheidungen integriert werden. Zudem sei ein sozial gerechter Ausstieg aus fossilen Energieträgern notwendig. Ergänzend schlagen sie eine koordinierte globale Überwachung von Kipppunkten und verbesserte Risikomanagementstrategien vor.

Quellenhinweis:

Ripple, W. J., Wolf, C., Rockström, J., Richardson, K., Wunderling, N., Gregg, J. W., Westerhold, T., & Schellnhuber, H. J. (2026): The risk of a hothouse Earth trajectory. One Earth.