Hoffnung für Millionen: Wöchentliche HIV-Tablette zeigt gleiche Wirksamkeit

Das HI-Virus hat sich seit den 1980er Jahren zu einer globalen Pandemie entwickelt, an der bereits 42 Millionen Menschen gestorben sind. Inzwischen gibt es jedoch große Fortschritte bei der Behandlung: Mit Medikamenten kann das Virus so sehr unterdrückt werden, dass die Ansteckung auf ein Minimum reduziert und ein Ausbruch der Krankheit AIDS verhindert wird. Nun wurde sogar eine neue Tablette entwickelt, die nur einmal pro Woche eingenommen werden muss.

Die tägliche Medikamenteneinnahme bei HIV könnte bald der Geschichte angehören. Bild: Rolf Müller/Universitätsklinikum Bonn
Die tägliche Medikamenteneinnahme bei HIV könnte bald der Geschichte angehören. Bild: Rolf Müller/Universitätsklinikum Bonn

Werden Menschen mit HIV medikamentös behandelt, müssen sie tagtäglich Tabletten einnehmen. Nun konnten Wissenschaftler jedoch belegen, dass der alltägliche Rhythmus nicht unbedingt notwendig ist. Eine neue orale Kombinationstherapie muss lediglich einmal pro Woche eingenommen werden und erzielt dennoch vergleichbare Behandlungsergebnisse wie etablierte Medikamente.

An der Phase-3-Studie ISLEND-1 beteiligten sich das Universitätsklinikum Bonn und die Universität Bonn gemeinsam mit zahlreichen internationalen Forschungseinrichtungen. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal New England Journal of Medicine veröffentlicht und auf der Internationalen AIDS-Konferenz in Rio de Janeiro präsentiert.

Weniger Tabletten, gleiche Wirksamkeit

Insgesamt nahmen 607 Erwachsene an 106 Studienzentren in zwölf Ländern teil. Alle Teilnehmenden hatten ihre HIV-Infektion bereits mit einer täglichen Standardtherapie erfolgreich unter Kontrolle gebracht. Anschließend wurden sie nach dem Zufallsprinzip entweder auf die neue wöchentliche Behandlung umgestellt oder führten ihre bisherige tägliche Medikation unverändert fort.

Nach einer Beobachtungszeit von 48 Wochen zeigte sich kein Nachteil der neuen Therapie. In beiden Gruppen blieb bei mehr als 93 Prozent der Teilnehmenden die Viruslast dauerhaft unterdrückt. Besonders war auch, dass unter der einmal wöchentlichen Behandlung während der Studie kein virologisches Versagen auftrat.

Übersicht über die globale Entwicklung der HIV-Epidemie (Stand 2024). Bild: WHO/UNAIDS
Übersicht über die globale Entwicklung der HIV-Epidemie (Stand 2024). Bild: WHO/UNAIDS

Seit der Einführung moderner Medikamente gilt HIV heute als gut behandelbare chronische Erkrankung, zumindest in Ländern mit funktionierendem Gesundheitssystem. Dennoch stellt die lebenslange tägliche Tabletteneinnahme für viele Betroffene eine psychische und organisatorische Belastung dar. Sie kann an die Erkrankung erinnern, Behandlungsmüdigkeit fördern und in bestimmten Situationen auch zur Angst vor Stigmatisierung beitragen.

Eine Therapie mit nur einer Tablette pro Woche könnte hier neue Freiräume schaffen. Gleichzeitig bietet sie eine Alternative zu langwirksamen Injektionen, die ebenfalls zur Reduzierung der Einnahmehäufigkeit entwickelt wurden, jedoch regelmäßige Arztbesuche erfordern.

Zwei Wirkstoffe in einer Tablette

Die neue Behandlung kombiniert die beiden langwirksamen antiretroviralen Wirkstoffe Islatravir und Lenacapavir miteinander. Ihre unterschiedlichen, sich ergänzenden Wirkmechanismen machen die nur einmal wöchentliche Einnahme überhaupt erst möglich.

Bevölkerungsanteile der Menschen von 15 bis 49 Jahren, die derzeit mit HIV leben. Bild: OurWorldinData
Bevölkerungsanteile der Menschen von 15 bis 49 Jahren, die derzeit mit HIV leben. Bild: OurWorldinData

„Therapievereinfachungen wie diese einmal wöchentliche Therapie können einen wichtigen Beitrag leisten, Menschen mit HIV bei der Therapietreue zu helfen und der Tablettenmüdigkeit einer lebenslangen Therapie entgegenzuwirken“, erklärt Erstautor Prof. Jürgen K. Rockstroh vom Universitätsklinikum Bonn.

Die Untersuchung ist allerdings noch nicht abgeschlossen. Alle Teilnehmenden werden insgesamt 96 Wochen begleitet, um langfristige Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit der neuen Therapie zu gewinnen.

Situation weltweit

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben sich seit Beginn der Epidemie schätzungsweise 91,4 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Etwa 44,1 Millionen Menschen sind an HIV-bedingten Ursachen gestorben. UNAIDS geht von 42 Millionen Toten aus.

Ende 2024 lebten laut WHO weltweit 40,8 Millionen Menschen mit HIV. Im globalen Durchschnitt sind 0,7 % aller Erwachsenen im Alter von 15 bis 49 Jahren vom HI-Virus betroffen, wobei es zwischen Staaten und Regionen enorme Unterschiede gibt. Am stärksten ist der afrikanische Kontinent betroffen, mit Ländern wie Südafrika, Lesotho und Botswana, die teilweise Infektionsraten von 25 % aufweisen. In Europa verzeichnen Russland und die Ukraine die höchsten Neuansteckungsraten.

Im Jahr 2025 haben sich ungefähr 1,2 Millionen Menschen neu mit HIV infiziert. Schätzungsweise 570.000 Menschen sind im gleichen Jahr an HIV-bedingten Ursachen gestorben, darunter 61.000 Kinder.

Artikelreferenz

WHO. (2026). Information sheet. HIV statistics, globally and by WHO region.
Jürgen K. Rockstroh et al. (2026). Phase 3 Trial of Weekly Oral Islatravir-Lenacapavir for HIV-1 Treatment. New England Journal of Medicine.