Gerechte Ungleichheit? Warum Menschen weltweit anders über Glück und Leistung urteilen

Wann gilt Einkommensungleichheit als gerecht? In westlich geprägten Ländern wie der Schweiz zählt Leistung besonders stark, während in Teilen Asiens auch zufälliger Wohlstand eher akzeptiert wird. Das geht aus einer neuen Studie hervor.

Glück oder Leistung – welches Einkommen wird weltweit für gerecht gehalten? Bild: Pablo Jimeno/Pixabay
Glück oder Leistung – welches Einkommen wird weltweit für gerecht gehalten? Bild: Pablo Jimeno/Pixabay

Ungleichheit wird nicht allein danach beurteilt, wie groß sie ist. Entscheidend ist für viele Menschen auch, aus welchen Gründen jemand mehr besitzt als andere. Eine internationale Studie der Universität Zürich zeigt nun, dass Vorstellungen von gerechter Verteilung weltweit erheblich auseinandergehen.

Für die Untersuchung wurden rund 65.000 Menschen in 60 Ländern befragt. Damit repräsentiert die Studie etwa 80 Prozent der Weltbevölkerung, was einen ungewöhnlich breiten gesellschaftlichen und kulturellen Vergleich erlaubt.

Leistung in der Schweiz

Im Mittelpunkt stand die Frage, wann Einkommensunterschiede moralisch gerechtfertigt sind. Die Teilnehmenden sollten unter anderem entscheiden, wie Beschäftigte auf einer Online-Arbeitsplattform einen Bonus erhalten sollten: entsprechend ihrer erbrachten Leistung oder per Zufallsauslosung.

Dabei kam heraus, dass Menschen weltweit Einkommensunterschiede eher akzeptieren, wenn diese auf Arbeit und Leistung – und nicht auf Glück – zurückzuführen sind. In der Schweiz ist diese Haltung besonders ausgeprägt.

In Ländern mit starken Demokratien herrscht eher ein leistungsorientiertes Verständnis von finanzieller Gerechtigkeit vor. Bild: hamonazaryan1/Pixabay
In Ländern mit starken Demokratien herrscht eher ein leistungsorientiertes Verständnis von finanzieller Gerechtigkeit vor. Bild: hamonazaryan1/Pixabay

„Ein leistungsorientiertes Verständnis von Fairness sehen wir vor allem in Ländern mit demokratischen politischen Systemen, die wohlhabend, gleichberechtigt und individualistisch sind“, sagt Wirtschaftswissenschaftlerin Prof. Ingvild Almås von der Universität Zürich. Die Studie wurde gemeinsam mit norwegischen Forschern durchgeführt.

Die Schweizer Bevölkerung zum Beispiel befürwortet zugleich eine gewisse Umverteilung. Die Zustimmung steigt besonders dann, wenn Vermögen oder Einkommen größtenteils durch Zufall entstanden sind. Ungleichheit erscheint demnach weniger problematisch, wenn sie als Ergebnis eigener Anstrengung verstanden wird.

Unterschied zu China und Indien

Dieses Muster ist aber keineswegs universell. In nicht-westlichen Ländern wie China und Indien fanden die Forschenden eine größere Akzeptanz von Wohlstand, der durch Glück oder Zufall entstanden ist. Zugleich sprach sich dort eine Mehrheit dagegen aus, den zufällig erworbenen Wohlstand umzuverteilen.

Die Ursachen dafür sind noch nicht abschließend geklärt. Kulturelle Prägungen könnten eine Rolle spielen, und auch religiöse Vorstellungen kommen als Einflussfaktor infrage. „In künftigen Studien werden wir untersuchen, inwieweit diese unterschiedlichen Präferenzen zur Umverteilung mit unterschiedlichen religiösen Überzeugungen zusammenhängen“, erklärt Almås.

In einigen asiatischen Ländern wie Indien und China wird Geld, das durch eine glückliche Fügung erworben wurde, eher akzeptiert als in westlich geprägten Ländern. Bild: Jeremy Kyejo/Pixabay
In einigen asiatischen Ländern wie Indien und China wird Geld, das durch eine glückliche Fügung erworben wurde, eher akzeptiert als in westlich geprägten Ländern. Bild: Jeremy Kyejo/Pixabay

Die damit verbundene Frage betrifft nur die Steuerpolitik: Welche Form von Ungleichheit ist gesellschaftlich überhaupt legitim? Denn dieselbe Einkommensdifferenz kann je nach vermuteter Ursache unterschiedlich bewertet werden.

Warum Umverteilung akzeptiert wird

Denkbar ist auch, dass Menschen höhere Steuern für Wohlhabende ablehnen, weil sie befürchten, diese könnten anschließend weniger arbeiten. Laut Studie spielt dieser mögliche ökonomische Effekt jedoch eine geringere Rolle als die Frage, ob ein Einkommen durch Leistung oder Zufall zustande kommt.

Die Forschungspraxis untersucht normalerweise eher WEIRD-Gesellschaften: westliche, gebildete, industrialisierte, wohlhabende und demokratische Länder (western, educated, industrialised, rich, democratic). Die globale Perspektive macht nun sichtbar, dass Gerechtigkeitsvorstellungen keineswegs überall gleich sind.

„Ungleichheit ist ein wichtiges globales Thema“, sagt Almås. „Eine entscheidende Frage ist, wie Ungleichheit in der Gesellschaft moralisch gerechtfertigt wird.“ Genau darin liegt die Bedeutung des Datensatzes: Er bietet eine Grundlage, um künftig genauer zu untersuchen, wie kulturelle Vorstellungen von Leistung, Glück und Fairness die politische Stimmung prägen.

Artikelreferenz

Almås, I., et al. (2026). Fairness Across The World. The Quarterly Journal of Economics.