Eiszuwachs in der Antarktis?
Rekordhitze im Sommer und Temperaturen von über 30 Grad Ende September – und gleichzeitig wächst die Eismasse in der Antarktis? Nach diversen Berichten gäbe es am Südpol den größten Zuwachs an antarktischem Eis innerhalb von 22 Monaten seit Beginn der Messaufzeichnungen.

Die unterschiedlichen Beiträge erwecken den Eindruck, dass Klimaforscher vor einem Rätsel stünden und diese Entwicklung vollkommen konträr zur Klimakrise verlaufe.
Ursprung der Zahlen
Die Frankfurter Rundschau war in einem Bericht vom 15.9. sehr konkret. Zwischen 2021 und 2023 habe die Antarktis nach Messungen rund 695 Milliarden Tonnen Eis hinzugewonnen. Dieser Wert wurde durch die hochpräzise Schweremessungen der GRACE-Satellitenmission aus dem All erfasst.
Die Studie „Multiyear tropical warm pool warming drives slowdown in Antarctic mass loss“ erschien am 19.8.2026 im Fachmagazin Nature. Ein internationales Forscherteam hat mit seiner Studie die Entwicklung der Eismassen in der Antarktis analysiert.
Für die weltweite Klimaforschung war dieser Rekordzuwachs zunächst ein Rätsel, das der eisige Kontinent seit Jahrzehnten kontinuierlich an Masse verliert.
Die Studie betonte, dass der Zuwachs regional sehr unterschiedlich ausfiel. Vor allem in der Ostantarktis nahmen die Eismassen deutlich zu.
Gleichzeitig setzte sich der Eisverlust in Teilen der Westantarktis fort. Die Messdaten zeigen zudem, dass die Eismasse in der Ostantarktis nach der Erhebung im Jahr 2023 wieder zurückging.
Wie ist dieses Phänomen entstanden
Die Ursache für den Eiszuwachs liegt nicht direkt in der Antarktis, sondern in einem Meeresgebiet zwischen dem Pazifischen und dem Indischen Ozean, dem sogenannten «Warmwasserpool», wie er auch im Titel der Studie genannt wird.
Der Auslöser für den extremen Zuwachs war für die Forschenden kein plötzlicher Umschwung im globalen Klimatrend, sondern eine gigantische Wärmeanomalie in einem Gebiet, dass viele tausend Kilometer vom Südpol entfernt liegt.
Die entstandene Dynamik verdeutlicht die komplexe Vernetzung des globalen Klimasystems. Im «Warmwasserpool» hatte sich das Oberflächenwasser über mehrere Jahre hinweg ungewöhnlich stark erwärmt.
Diese Entwicklung setzte sogenannte Rossby-Wellen in Gang, also große atmosphärische Schwingungen, die bis in die Polregion wanderten und dort das Druckgefüge verschoben.
Es bildete sich ein Tiefdruckgebiet südlich von Australien und ein stabiles Hoch über der ostantarktischen Küste. Entlang dieser Linie entstanden schmale Feuchtigkeitskorridore in der Atmosphäre – sogenannte „atomsphärische Flüsse“
Diese transportierten enorme Mengen an Wasserdampf aus dem Indischen Ozean direkt über die Regionen Queen-Mary-Land und Wilkes-Land in der Antarktis, wo die Feuchtigkeit als extremer Schneefall niederging.
Ist das ein neues Phänomen?
In einem Bericht des schweizerischen Medienunternehmen SRF erklärte der Glaziologe Ingo Sasgen vom Alfred-Wegener-Institut, dass ein solcher Zusammenhang zwischen Wetterlagen und Schneefällen grundsätzlich wissenschaftlich bekannt sei.
so Sassen zum SRF.
Für die Entwicklung der Eismassen in den Polarregionen seien zahlreiche Prozesse verantwortlich. Mehr Schneefall, wie in diesem Fall, können regional und zeitweise zu einer Zunahme der Eismassen führen.
Antarktis schmilzt trotz regionaler Zunahmen unaufhaltsam weiter
Die Berechnungen der Forschergruppe zeigen, dass rund 91 Prozent dieses Schneefalls auf eine natürliche Oszillation zurückzuführen sind, die etwa alle zehn Jahre auftritt. Die Folgen des Klimawandels trugen lediglich rund neun Prozent zu den Schneemassen bei, und zwar dadurch, dass eine wärmere Atmosphäre mehr Wasserdampf transportieren kann.
Der Eiszuwachs sei daher kein Anzeichen für eine Trendwende, sondern eine Momentaufnahme. Unter dem Strich verliert die Antarktis weiterhin rund 140,5 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr und trägt damit erheblich zu einem Anstieg des Meeresspiegels bei.
Während, wie in der Studie analysiert, hauptsächlich die Ostantarktis kurzzeitig Masse aufbauen konnte, schmilzt das Eis in der Westantarktis ungebremst weiter.

Dies geschieht dadurch, dass warmes Tiefenwasser an den Fundamenten riesiger Schelfeise nagt und dass selbst im Polarwinter zunehmend große Meereisflächen fehlen.
In der öffentlichen Debatte werden Berichte über zunehmende Eisflächen häufig als vermeintliches Argument gegen die Erderwärmung herangezogen. Die Studienautoren warnen jedoch ausdrücklich vor diesem Trugschluss.
erklärte der Erstautor Yunhe Wang
Das Phänomen belege aus seiner Sicht vor allem eines:
Langfristige Trends in der Antarktis
Ingo Sasgen betonte gegenüber dem SRF, dass die Studie wissenschaftlich sehr bedeutsam sei, denn die Untersuchung liefere eine schlüssige Erklärung für das Phänomen der Eiszuwächse:
so Sasgen gegenüber dem SRF
Er unterstrich, dass gute, verlässliche Daten für die Antarktis erst seit 1979 vorliegen würden. Viele Dynamiken – speziell beim Klima – zeigten sich erst mit langen Messreihen und Untersuchungen.
Fazit
Die Recherche zeigt: Zwischen 2021 und 2023 haben Teile der Eismasse in der Antarktis regional tatsächlich zugenommen. Der Anstieg war jedoch vorübergehend und ist auf außergewöhnliche Wetterbedingungen zurückzuführen.
Er bedeutet keine Trendumkehr beim Schmelzen des Antarktiseises. Die Zahlen gehen auf eine aktuelle wissenschaftliche Studie zurück, die sehr plausible Erklärungen für den zeitweiligen Eiszuwachs in Teilen der Antarktis nennt.
Artikelreferenz
Yunhe Wang, Qinghua Ding, Xiaofeng Li, Thomas J. Ballinger, Yoshihiro Nakayama, Dániel Topál & Eric J. Steig. Multiyear tropical warm pool warming drives slowdown in Antarctic mass loss.