Aufmerksamkeit: Mädchen und Jungen unterscheiden sich schon wenige Stunden nach der Geburt im Verhalten

Bereits am ersten Lebenstag richten weibliche Neugeborene ihren Blick länger auf Gesichter als männliche – zumindest im Durchschnitt. Eine Studie mit 130 Neugeborenen zeigt Unterschiede bei der Aufmerksamkeit für Gesichter – ohne jedoch eine individuelle Entwicklung vorhersagen zu können. Die Ursachen dafür bleiben vorerst im Dunkeln.

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass sich die Aufmerksamkeit von Mädchen und Jungen bereits kurz nach der Geburt unterscheidet. Bild: Daniel Thomas/Unsplash
Wissenschaftler haben herausgefunden, dass sich die Aufmerksamkeit von Mädchen und Jungen bereits kurz nach der Geburt unterscheidet. Bild: Daniel Thomas/Unsplash

Bei Babys lassen sich Unterschiede in der visuellen Aufmerksamkeit bereits kurz nach der Geburt beobachten. Darauf deutet eine jüngste Studie der University of Cambridge hin. Untersucht wurden 130 gesunde Neugeborene, darunter 67 Jungen und 63 Mädchen, im Durchschnitt etwa 33 Stunden nach der Geburt.

Babys können bereits von Anfang an sehen, allerdings nur verschwommen – und am schärfsten in einem Abstand von 20 bis 30 Zentimetern. Im Versuch sollten dann die Neugeborenen zwei bewegte Videos anschauen: Auf einem war eine junge Frau zu sehen, die Blickkontakt hielt, sich natürlich bewegte und gelegentlich lächelte. Das zweite Video zeigte ein Newton-Pendel, bei dem Metallkugeln rhythmisch gegeneinanderschwangen.

Eine Kamera erfasste die Blickrichtung, und Beobachter prüften, wie lange die beiden Motive betrachtet wurden. Um Erwartungen zu vermeiden, wussten die Beobachter weder das Geschlecht des jeweiligen Babys noch, auf welcher Seite welches Video gezeigt wurde.

Frühe Unterschiede bei Aufmerksamkeit und Verhalten

Beim Vergleich der Geschlechter zeigte sich dann ein klarer Unterschied: Das Gesicht wurde nicht bei allen Kindern gleichermaßen bevorzugt. Die Werte belegten unterschiedliche durchschnittliche Aufmerksamkeitsmuster. Mädchen betrachteten das Gesicht im Mittel während 58,5 Prozent ihrer Beobachtungszeit, Jungen während 51,2 Prozent. Bei den Jungen war eine eindeutige Präferenz nicht erkennbar.

Den Neugeborenen wurden zwei Videos vorgespielt: Eines zeigte ein sich bewegendes Gesicht und das andere ein mechanisches Kugelspiel. Bild: Khan et al., 2026
Den Neugeborenen wurden zwei Videos vorgespielt: Eines zeigte ein sich bewegendes Gesicht und das andere ein mechanisches Kugelspiel. Bild: Khan et al., 2026

„Diese neue Studie zeigt uns, dass es nicht nur durchschnittliche geschlechtsspezifische Unterschiede im Gehirn gibt, sondern auch bei Aufmerksamkeit und Verhalten“, sagt Studienleiterin Yumnah Khan, Doktorandin am Autism Research Centre der University of Cambridge. Die Forschenden heben jedoch hervor, dass aus dem Ergebnis keine direkte biologische Ursache abgeleitet werden kann.

„Dass wir diese Unterschiede innerhalb weniger Stunden nach der Geburt beobachten, bevor umfangreiche Erfahrungen nach der Geburt stattgefunden haben, deutet darauf hin, dass vorgeburtliche Faktoren eine Rolle spielen“, erklärt Professor Sir Simon Baron-Cohen, Direktor des Autism Research Centre. Mögliche Einflüsse könnten Gene oder Sexualhormone sein, die jedoch im Versuch nicht gemessen wurden. Das Ergebnis könnte ebenfalls dadurch beeinflusst werden, dass die Kinder erst wenige Stunden außerhalb des Mutterleibs verbracht hatten.

Durchschnittswerte, keine Schicksalslinien

„Geschlechtsunterschiede bei der Geburt sind wichtige Ausgangspunkte“, sagt Dr. Alex Tsompanidis, Assistenzprofessor am Forschungszentrum, „aber wir müssen uns daran erinnern, dass sie nicht vollständig bestimmen, wie Kinder später lernen und sich entwickeln.“ Biologische und soziale Einflüsse wirken zusammen.

Professorin Carrie Allison, die stellvertretende Direktorin des Zentrums, gibt außerdem zu bedenken: „Die Unterschiede, die wir sehen, treffen nicht auf alle männlichen oder weiblichen Säuglinge zu und zeigen sich nur beim Vergleich von Gruppen im Durchschnitt.“ Die individuellen Blickmuster überschnitten sich erheblich, sodass sich aus dem Blickverhalten eines einzelnen Neugeborenen keine verlässliche Aussage über seine spätere Entwicklung ableiten lässt.

Auch das Versuchsdesign lässt mehrere Erklärungen zu. Gesicht und Newton-Pendel unterschieden sich nicht nur hinsichtlich sozialer Bedeutung, sondern auch bei Form, Farben und Bewegungsmuster. Außerdem wurden nur ein weibliches Gesicht und ein mechanisches Objekt eingesetzt. Die manuelle Auswertung begrenzt die Übertragbarkeit ebenfalls.

Die Studie belegt daher nicht zweifelsfrei, dass vorgeburtliche Hormone oder Gene die beobachteten Unterschiede verursachen. Welche Bedeutung die Blickmuster für die spätere Entwicklung haben, muss also erst einmal offen bleiben.

Artikelreferenz

Khan, Y. T., Tsompanidis, A., Hymanson, E., et al. (2026). Sex differences in face looking preferences at birth. Biology of Sex Differences.