Eiswinter-Gefahr steigt: Rekord-El-Niño nimmt den Polarwirbel ins Visier – diese Wochen werden entscheidend
Noch wärmt die Oktobersonne. Doch 30 Kilometer über der Arktis formiert sich gerade der Motor des Winters – und ein Rekord-El-Niño könnte ihn aus dem Takt bringen.

Draußen sieht es nach allem aus, nur nicht nach Winter. Nebel am Morgen, mittags noch einmal angenehm mild, dazu buntes Laub. Wer jetzt an Frost und Schneeschippen denkt, wird eher belächelt.
Hoch über unseren Köpfen läuft aber längst die Vorbereitung auf die kalte Jahreszeit. Über der Arktis baut sich gerade der Polarwirbel auf. Wie er sich in den kommenden Wochen und Monaten verhält, entscheidet ganz wesentlich darüber, ob uns ein milder Schmuddelwinter oder ein knackiger Eiswinter erwartet.
Der unsichtbare Taktgeber des Winters
Gemeint ist ein riesiger Ring aus Westwinden in der Stratosphäre, grob zwischen 15 und 50 Kilometern Höhe. Er entsteht jedes Jahr im Herbst, wenn die Sonne am Nordpol untergeht und sich die Luft dort oben massiv abkühlt. Je größer der Temperaturgegensatz zu den mittleren Breiten, desto schneller dreht sich das Gebilde.
Ein kräftiger, stabiler Wirbel hält die eisige Polarluft wie in einem Käfig im Norden fest. Für Deutschland bedeutet das meist Westwetterlagen mit viel Wind, viel Regen und Temperaturen deutlich über null. Genau diese Sorte Winter haben wir in den vergangenen Jahren oft erlebt.
Wenn sich die Stratosphäre plötzlich aufheizt
Spannend wird es, wenn der Wirbel ins Stolpern gerät. Meteorologen sprechen dann von einer plötzlichen Stratosphärenerwärmung. Große Luftwellen aus der unteren Atmosphäre schießen nach oben, brechen dort wie Brandung am Strand und heizen die Luft in rund 30 Kilometern Höhe binnen weniger Tage um 30 bis 50 Grad auf.

Die Folge: Die Westwinde bremsen ab und kehren sich teilweise sogar um. Der Wirbel wird aus seiner Position gedrängt oder zerfällt in zwei Teile. Mit zwei bis drei Wochen Verzögerung kann sich das bis zum Boden durchschlagen. Dann bauen sich Blockadehochs über Skandinavien auf, und Kaltluft aus Russland strömt nach Mitteleuropa. Ende Februar 2018 lief genau dieses Drehbuch ab, mit Nachtfrösten von regional unter minus 20 Grad.
Rekord-El-Niño als heimlicher Mitspieler
In diesem Jahr gibt es einen besonderen Faktor. Im Pazifik läuft ein außergewöhnlich starker El Niño, möglicherweise einer der kräftigsten seit Beginn der Messungen. Das klingt weit weg, hat aber Folgen bis in die Arktis. El Niño verstärkt nämlich genau jene großen Luftwellen, die den Polarwirbel attackieren.
Untersuchungen der vergangenen Jahrzehnte zeigen, dass solche Stratosphären-Störungen in El-Niño-Wintern spürbar häufiger auftreten als in La-Niña-Jahren. Auch die aktuellen Langfristrechnungen deuten für den Hochwinter eher auf einen geschwächten Wirbel hin. Eine Garantie ist das aber keineswegs.
Warum der Oktober noch nichts verrät
Wer jetzt schon den Eiswinter ausruft, ist zu früh dran. Derzeit präsentiert sich der Polarwirbel weitgehend im normalen Rahmen, zwischenzeitlich sogar etwas kräftiger als üblich. Große Erwärmungsereignisse vor Mitte November sind ohnehin extrem selten. Das klassische Zeitfenster liegt im Januar und Februar.
Hinzu kommt, dass nicht jede Störung dort oben auch bei uns landet. Nur ungefähr zwei von drei Ereignissen wirken überhaupt spürbar nach unten. Und selbst dann kann die Kälte über Osteuropa hängen bleiben oder nach Nordamerika ausweichen, während Deutschland nur am Rand etwas abbekommt.
So könnte der Winter in Deutschland ablaufen
Nach heutigem Stand spricht einiges für eine zweigeteilte Saison. Ein starker El Niño begünstigt bei uns eher einen milden, nassen und stürmischen Frühwinter. Weiße Weihnachten wären damit im Flachland eher die Ausnahme als die Regel.
Danach steigt allerdings das Risiko. Sollte der Polarwirbel im Januar oder Februar einknicken, wäre ein später Wintereinbruch mit Dauerfrost und Schnee bis in tiefe Lagen durchaus drin. Entscheidend sind die Signale aus der Stratosphäre in den kommenden Wochen. Wir behalten den Polarwirbel genau im Blick.