Trotz Märchen und Museen: Diese Stadt ist ein klassischer Fall für Liebe auf den zweiten Blick
Sie besitzt mit prachtvollem Park, Wasserspielen und einer exquisiten Gemäldesammlung ein außergewöhnliches Welterbe-Ensemble. Ihre in den Fünfzigern wieder aufgebaute City ist hingegen ein Ort mit verstecktem Reiz.

Ein Dutzend Rembrandts, Werke von Rubens, Dürer, Tizian sowie Brueghel dem Älteren und Jüngeren hängen in der Dauerausstellung der Gemäldegalerie Alte Meister im Schloss Wilhelmshöhe - insgesamt 500 spektakuläre Arbeiten in feudalem Ambiente. Durch diese Säle zu spazieren und europäische Meisterwerke und die prachtvolle Aussicht zu betrachten, entspannt unmittelbar.
Hercules schaut auf die Stadt hinab
Vor den Fenstern erstreckt sich das UNESCO-Weltkulturerbe Bergpark Wilhelmshöhe, dessen Karlsberghang bis zum Oktogon mit der Herkules-Statue reicht. Auf 515 Metern Höhe steht Herkules und blickt - selbst Teil des Welterbes - auf Park, Schloss und Stadt hinab.
Manchmal scheint es, als verstecke sich die City vor seinem Blick unter einer Glocke aus Dunst. Denn das Gefälle zwischen dem größten Bergpark Europas, den die Landgrafen und Kurfürsten von Hessen-Kassel ab 1696 anlegten, und der Innenstadt könnte auch optisch größer kaum sein.
Verhängnisvolle Bombennacht
Bauten wie die Martinskirche, die ab 1364 errichtet wurde, während der Reformation die Konfession wechselte und später Grablege der hessischen Kurfürsten wurde, erinnern an die lange Geschichte Kassels. Eine historische Altstadt gibt es indes nicht mehr. Als Standort der Rüstungsindustrie wurde Kassel am Abend des 22. Oktober 1943 Ziel der Alliierten. In zwanzig Minuten wurde die Innenstadt fast völlig zerstört.
Obwohl die originale Fachwerk-Architektur im Zentrum verloren ist, besitzt Kassel ganz eigenen Reiz. So hat das Stadtgebiet historische Bauwerke unterschiedlicher Epochen bewahrt, und die City besitzt ein außergewöhnliches Ensemble aus Bauten der 50-er Jahre. Manches zierliche Balkongeländer, manche elegant geschwungene Fassade spiegeln den Aufbruchsgeist der Nachkriegszeit.
Eine von vier Müttern des Grundgesetzes
Immer sind in der nordhessischen Stadt, in der die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm ihre Kinder- und Hausmärchen zusammenstellten, Ideen mit Wirkung entstanden. Davon erzählt etwa das Denkmal für die Politikerin und Juristin Elisabeth Selbert, die 1896 in Kassel geboren wurde und 90 Jahre später hier starb. Sie war nach dem Zweiten Weltkrieg eine der vier Mütter des Grundgesetzes - neben seinen 61 Vätern.
Ihr ist die Formulierung „Männer und Frauen sind gleichberechtigt" im Text zu verdanken, die sie gegen einigen Widerstand durchsetzte. Ihre Statue steht gegenüber dem Hauptbahnhof am oberen Ende der Fußgängerzone. Auch die Idee öffentlicher Museen stammt aus Kassel.
Das 1779 erbaute Fridericianum war eines der ersten allgemein zugänglichen Kunstmuseen in Europa. Es bewahrte die Kunstsammlung der hessischen Landgrafen und die fürstliche Bibliothek. Nach der Bombennacht wurde es im ursprünglichen Stil wiederaufgebaut und ist heute das Herz der Documenta.
Hier entstand die erste Fußgängerzone Europas
1947 wurde ein städtebaulicher Wettbewerb ausgeschrieben, an dem sich 163 Architekten beteiligten. Vier Jahre später stand der Plan zum Neuaufbau. Mittelpunkt der neuen Innenstadt wurde die Treppenstraße, die erste Fußgängerzone in Europa. Hier entstand die Idee, dem Menschen Vorrang vor dem Auto zu geben.