Galaktisches Tauziehen: Nachbargalaxie wird von ihrer größeren Begleiterin auseinandergezogen
Eine der nächsten Nachbargalaxien der Milchstraße befindet sich offenbar in einem tiefgreifenden Umbruch. Neue Beobachtungen zeigen, dass die Kleine Magellansche Wolke nicht stabil rotiert, sondern durch die Schwerkraft der Großen Magellanschen Wolke zunehmend verzerrt wird und sich allmählich auflöst.

Die Kleine Magellansche Wolke wurde lange Zeit für eine vergleichsweise geordnete Zwerggalaxie gehalten. Doch eine neue internationale Studie zeigt nun, dass das rund 200.000 Lichtjahre entfernte Sternsystem durch die Anziehungskraft der benachbarten Großen Magellanschen Wolke regelrecht auseinandergezogen wird.
Studiengrundlage waren Beobachtungen aus dem VISTA-Survey der Magellanschen Wolken (VMC), der über mehr als ein Jahrzehnt hinweg Millionen Sterne im nahen Infrarot erfasst hat. Mithilfe dieser Daten konnten die Forschenden die Eigenbewegungen der Sterne so genau wie nie zuvor bestimmen und daraus die bisher detaillierteste Bewegungslandkarte der Galaxie erstellen.
Keine Rotation, sondern Expansion
Die Ergebnisse widersprechen einer lange verbreiteten Vorstellung: Statt einer geordneten Rotation, wie sie für viele stabile Galaxien typisch ist, zeigen die Sterne der Kleinen Magellanschen Wolke überwiegend Bewegungen nach außen. Das deutet darauf hin, dass die Galaxie durch gravitative Wechselwirkungen stark beeinflusst wird.
„Die Ergebnisse lassen auf eine großräumige Gezeitenexpansion in der gesamten Kleinen Magellanschen Wolke schließen“, sagt Sreepriya Vijayasree vom Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam. Das stelle die seit Langem bestehenden Annahmen in Frage, dass sich die Kleine Magellansche Wolke wie eine rotierende Scheibe verhält.

Den Forschenden zufolge sind die beobachteten Bewegungen das Ergebnis wiederholter Begegnungen mit der Großen Magellanschen Wolke über Milliarden Jahre hinweg. Diese Wechselwirkungen haben nicht nur die Form der Zwerggalaxie verändert, sondern auch ihre innere Dynamik.
Blick durch kosmischen Staub
Die Daten stammen aus einem umfangreichen Beobachtungsprogramm am VISTA-Teleskop der Europäischen Südsternwarte in Chile. „Die jüngste Veröffentlichung der VMC-Daten erweitert den Beobachtungszeitraum auf insgesamt 11 Jahre und ermöglicht damit wesentlich präzisere Messungen der Sternbewegungen als frühere Studien“, erläutert Projektleiterin Maria-Rosa Cioni.
„Als ich die Ergebnisse zum ersten Mal sah, war ich wirklich beeindruckt von der Qualität der gemessenen Sternbewegungen“, berichtet Mitautor Florian Niederhofer. „Durch die Kombination von Beobachtungen über einen Zeitraum von mehr als einem Jahrzehnt konnten wir die interne Kinematik der Kleinen Magellanschen Wolke mit einer Detailgenauigkeit abbilden, die für bodengestützte Beobachtungen herausragend ist.“

Durch die lange Beobachtungsdauer konnte die Genauigkeit der Messungen im Vergleich zu früheren Analysen verdreifacht werden. Die Karten zeigen, dass sich Sterne entlang einer Südost-Nordwest-Achse von ihrem Zentrum entfernen. Die durchschnittliche Geschwindigkeit beträgt etwa 17 Kilometer pro Sekunde.
Spuren einer turbulenten Vergangenheit
Bemerkenswert ist, dass die Expansion nicht nur an den Außenbereichen der Galaxie sichtbar wird. Selbst im zentralen Bereich fanden die Forschenden keine Hinweise auf eine dominante Rotationsbewegung. Stattdessen überwiegen radiale Bewegungen nach außen.
Zudem entdeckte das Team eine auffällige Nordbewegung älterer Roter-Riesen-Sterne. Die könnte auf eine Wechselwirkung zurückgehen, die sich bereits vor mehr als zwei Milliarden Jahren ereignete. Jüngere Sternpopulationen reagieren dagegen anders und zeigen stärkere Ausdehnungsbewegungen.
Damit bewahren die verschiedenen Sternengenerationen gewissermaßen die Erinnerung an unterschiedliche Kapitel der wechselvollen Geschichte dieser galaktischen Nachbarschaft.
Quellenhinweis:
Vijayasree, S., Niederhofer, F., Cioni, M.-R. L., van Loon, J. Th., et al. (2026): The VMC survey – LV. The coherent expansion of the SMC. A&A.
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