Hitzewelle trocknet wichtiges Futtermittel aus: Sojabohnen in Not

Die heimischen Felder machen die Zerstörungskraft der diesjährigen Hitzewellen sichtbar. Und ein Ende der heißen Tage ist nicht in Sicht. Massive Ernteausfälle sind eine unabwendbare Folge. Viehfutter wird knapp und teuer, wie z.B. Sojaschrot, der wichtigsten Eiweißquelle in Viehfutter.

Sojaschrot- wichtige Eiweißquelle in der Rinderhaltung
Sojaschrot- wichtige Eiweißquelle in der Rinderhaltung

Die anhaltende Dürre in vielen Regionen Deutschlands und Österreich setzt speziell die viehhaltende Landwirtschaft unter Druck. Grünland wächst kaum noch nach. Beim Silomais drohen massive Ertrags- und Qualitätseinbußen.

Regionale Unterschiede

Wie unterschiedlich die Lage regional ist, zeigen Rückmeldungen mehrerer Bauernverbände auf eine Anfrage der Zeitschrift agrarheute. Während in Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Niedersachsen aktuell noch kein akuter Futtermangel besteht, sprechen Verbände in Süd- und Westdeutschland von erheblichen Problemen. Noch dramatischer scheint die Situation in unserem Nachbarland Österreich zu sein.

Dort liegen die Erträge über sämtliche Getreide (außer Mais) um ein Fünftel niedriger als im Vorjahr und 14,4 Prozent unter dem Fünfjahresschnitt. Beim Mais dürfte es noch schlimmer kommen – bis hin zum Totalausfall, warnen Bauern aus Oberösterreich.

Ähnliches gilt für die Sojabohne, die den Energiegehalt des Mais im Viehfutter um wertvolle Proteine ergänzt. Keine andere Nutzpflanze eignet sich dafür auch nur annähernd so gut wie diese Leguminose, die zu 40 Prozent aus Eiweiß besteht.

Deutliche Beeinträchtigungen

Noch seien die meisten Sojaflächen zwar grün, berichtet die Landwirtschaftskammer (LK) der österreichischen Tageszeitung DER STANDARD. Einige Sorten würden aber bereits die Blüten abwerfen, während viele andere zu niedrig im Wuchs seien. Wie stark der Ertrag zurückgeht, sei noch schwierig einzuschätzen. Je nach Standort wird jedoch mit einem Minus von 20 bis 70 Prozent gerechnet.

Im Gegensatz zu den meisten EU-Staaten erzeugt Österreich mit einer Eigenversorgungsquote von ca. 40 Prozent nennenswerte Mengen des Sojabedarfs selbst. Im EU-Schnitt sind es nur etwas mehr als sechs Prozent.

Hochgradig abhängig

Die Anbauflächen für Sojabohnen in Deutschland haben sich zwar seit 2016 fast verdreifacht. Dennoch deckt die heimische Ernte nur einen Bruchteil des Verbrauchs: Deutschland importierte 2025 rund 3,4 Millionen Tonnen und damit das 26-Fache der eigenen Produktion. Knapp zwei Drittel der Einfuhren kamen aus den USA.

Österreich importiert ein Viertel seines verwerteten Sojas aus Brasilien und ein Fünftel aus Argentinien. Damit stehen zwei Länder im Fokus, wo der Sojaanbau mit der verheerenden Abholzung von Regenwald in Verbindung steht.

Im Durchschnitt der 27 EU-Staaten kommen 90 Prozent des Bedarfs aus den beiden südamerikanischen Ländern und den USA, dem Hauptlieferland der deutschen Landwirtschaft.

Grund dafür sei eine Spezialisierung der Landwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg, wie Aurélie Tournan von der gemeinnützigen, europaweiten Organisation Donau Soja erklärte.

Während Europa eher auf Weizen setzte, bauten die USA rasch eine dominante Position im Sojageschäft auf. Einer Analyse der Brüsseler NGO The Protein Project zufolge würden ohne den Import bis zu 40 Prozent der Viehzucht Europas zum Erliegen kommen.

Auch innerhalb Europas und der EU konzentriert sich der Anbau auf nur wenige Agrarländer. Mit rund 83.000 Hektar an Sojaflächen ist Österreich gehört unser Nachbarland in diesen elitären Kreis. Je nach Erntejahr steht es an dritter oder vierter Stelle der EU-Staaten. Nur Italien und Frankreich verzeichnen regelmäßig noch größere Erträge.

Der Anbau von Sojabohnen - intensive Monokulturen, oft auf ehemaligen Waldböden
Der Anbau von Sojabohnen - intensive Monokulturen, oft auf ehemaligen Waldböden

Allerdings wird sich in diesem Jahr die Situation sehr verändern, denn neben Österreich leiden auch Rumänien, Serbien und Kroatien unter der Hitze und ihren Folgen.

Auf nach Norden

Die Sojabohne wandert ganz klar nach Norden – das vollzieht sich jetzt rapide

bestätigte Johann Vollmann gegenüber dem STANDARD. Der Biologe der Wiener Universität für Bodenkultur gilt International als Experte auf seinem Fachgebiet.

Als Beispiel nannte er die Hitzefolgen im Gebiet um die serbische Stadt Novi Sad. Dort findet rund 90 Prozenz des serbischen Sojaanbaus statt. Der Ertrag pro Hektar hat sich seit 2021 durch die Hitzefolgen um mehr als ein Drittel verringert. Die bewirtschaftbare Anbaufläche ist um fast ein Fünftel geschrumpft.

Dies hat nach Aussage von Vollmann dazu geführt, dass der Anbau der Sojabohne von Serbien oder Italien vermehrt nach Polen und teilweise sogar nach Skandinavien abwandert. Negativ wirkt sich dabei aus, dass es im Norden länger hell ist und die Sojabohne im Wachstum sehr stark auf Sonneneinstrahlung reagiert.

Eine südliche Sojabohne aus Italien wird in Polen nicht reif

erklärte Vollmann im STANDRARD.

Notwendig sei daher eine genetische Anpassung, also eine neue Züchtung. In Polen habe das bereits gut funktioniert, berichtete er aus einem EU-Projekt.

Allerdings werde sich in Europa auch nach einer solchen genetischen Anpassung an der Abhängigkeit von Brasilien, Argentinien oder den USA nichts ändern. Selbst wenn unser Kontinent sein komplettes Flächenpotenzial für Sojaanbau ändert, könne sich Europa mittelfristig nicht mit mehr als 50 Prozent an Sojabohnen selbst versorgen.

Bedenklicher Konsum

Notwendig ist nach Ansicht der befragten Experten ein geringerer Konsum an Fleisch. Der reduzierte Anteil an carnivorer Ernährung sollte aus nachhaltiger Tierhaltung stammen. Im Durchschnitt verzehrt ein EU-Bürger 70 Kilogramm Fleisch pro Jahr. Nach einem kurzfristigen Rückgang ist der Pro-Kopf-Konsum zuletzt wieder gestiegen.

Johann Vollmann rechnet vor, dass 90 Prozent der Sojabohnen in Form von Sojaschrot als Proteinquelle an Tiere verfüttert werden. Dafür seien zehnmal so viele Sojabohnen nötig, als wenn wir sie direkt essen würden.

Es ginge nicht um ein Verbot, sondern um einen bewussteren Konsum.

Im weltweiten Maßstab könnte nach Vollmanns Ansicht eine solche Reduktion dazu führen, dass es bis 2050 von einer Entwaldung zu einer Aufforstung käme. Wälder würden nicht mehr abgeholzt, sondern Weide- und Anbauflächen würden renaturiert.

Schon eine Halbierung des aktuellen Fleischkonsums würde dafür sorgen, dass im globalen Maßstab Flächen aufgeforstet werden könnten und der Wald damit nicht nur wieder kühlt, sondern auch seine Funktion als Kohlenstoffspeicher und natürliche CDR-Maßnahme wahrnimmt.

Artikelreferenz

Prof. Dr. Katrin Mahlkow-Nerge. Bewertung der Wirkung von Sojaschrot für Milchkühe.